Friedrich Ani: German Angst

German Angst

Verlag: Ehrenwirth Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Krimi
ISBN-13 978-3-426-19543-7

Preis: 0,99 Euro bei Amazon.de [Stand: 02. Dezember 2016]
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Ganz Deutschland ist im Bann skandinavischer Krimi-Autoren. Nur südlich der Donau leistet Friedrich Ani mit seinem Kommissar Tabor Süden Widerstand gegen die nordeuropäische Übermacht.
München im Jahr der Sonnenfinsternis und der Unterschriftensammlung der CSU gegen die doppelte Staatsbürgerschaft: Süden ist zu Fuß in der Stadt unterwegs und kann die 14-jährige Lucy in letzter Minute vor einem heranrasenden Taxi zurückreißen. In diesem Moment scheinen sich zwei Außenseiter gefunden zu haben: Süden, der einzelgängerische Störenfried, der Mobiltelefone verweigert, bewarb sich zur (fiktiven) Abteilung Vermisste der Münchener Kriminalpolizei, weil er kein weiteres Interesse an einer Karriere bei der Mord-Kommission hatte. Er hadert noch immer mit persönlichen Misserfolgen und dem Selbstmord eines Kollegen.
Lucy ist die Tochter eines Nigerianers mit Aufenthaltserlaubnis in Deutschland, der in München völlig integriert ist und seine Freundin Natalia heiraten möchte. Nach dem Tod ihrer Mutter wurde Lucy zur gewalttätigen Mehrfach-Straftäterin. Sie raubt und schlägt, tut was sie will, ohne dass ihr Vater Einfluss auf sie ausüben kann. Da sie noch nicht strafmündig ist, kann sie für insgesamt 68 Straftaten nicht zur Verantwortung gezogen werden. Doch nach ihrem 14. Geburtstag kommt sie wegen eines Überfalls auf einen anderen Jugendlichen in Untersuchungshaft. Sie kann nicht sagen, warum sie ihr Opfer zusammengeschlagen hat, zeigt nur Wut und Hass, kennt kein Mitleid mit ihren Opfern.
Eine dubiose rechtsradikale Gruppe entführt Natalia, um die Abschiebung Lucys und ihres Vaters nach Nigeria zu erpressen. Den Behörden scheint auch nichts anderes einzufallen, als ein in Deutschland aufgewachsenes Mädchen in ein fremdes Land abzuschieben, indem der Vater keine Einkünfte hat und es für beide keine Zukunft gibt. Lesern, die mit dem Fall des 14-jährigen Mehrfach-Straftäters M. in München vertraut sind, drängen sich Parallelen auf. Auch in seinem Fall waren Eltern und Behörden hilflos, ihre Untätigkeit erregte wochenlang die Öffentlichkeit und wurde von den Medien für deren Zwecke ausgeschlachtet.
In beiden Fällen fragt man sich: Was wäre gewesen, wenn der/die Jugendliche kein Ausländer wäre? Wohin hätten die deutschen Behörden ihn/sie dann abgeschoben? Stecken wir angesichts der Gewalttätigkeit einzelner Jungendlicher den Kopf in den Sand? Wer vertritt die Interessen der Opfer? Was ist mit dem Recht auf körperliche Unversehrtheit der Mitschüler?

Die Parallelen zum aktuellen Fall M. sind Teil der Faszination, die das Buch ausübt, und gleichzeitig seine Schwäche: ohne das Vorbild des realen jugendlichen Gewalttäters hätte ich die Handlung absurd gefunden. Dass Lucy ein Mädchen und dann noch Nigerianern sein muss, erscheint aufgesetzt und kann den Vergleich mit M. nicht verhindern. Doch die deutsche Realität ist absurder als ein Krimi je sein kann. Polizisten, Richter, Staatsanwalt und "der Mann auf der Straße" werden in "German Angst" in ihrem alltäglichen Rassismus entlarvt. Die Gruppendynamik einer rechtsradikalen Vereinigung ist beeindruckend recherchiert und macht nachdenklich. Obwohl das Ende des Buches recht märchenhaft wirkt, wuchs mir der Querulant Süden im Laufe der Handlung richtiggehend ans Herz: Ich muss unbedingt wissen, was er in den weiteren Süden-Krimis treibt und wie lange die bayerische Bürokratie ihn ertragen wird.

Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 12. Januar 2004

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