Robert Conquest: Stalin: Der totale Wille zur Macht

Stalin: Der totale Wille zur Macht

Verlag: Econ Ullstein List Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-471-77234-8

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Conquest liegt hier auf rund 430 Seiten eine gut lesbare und fundierte Lebensbeschreibung des Diktators vor. Zunächst behandelt er Stalins Kindheit in Gori, die ihn nachweislich geprägt hat - seine ausgeprägten Minderwertigkeitsgefühle (S. 16) wurden hier durch einen gewalttätigen Vater und eine dominante Mutter geprägt. Diese Kindheit erklärt vieles: Stalins Minderwertigkeitskomplexe und sein unbändiger, ja "totaler Wille zur Macht" sind hierdurch erklärlich. Niemals unterliegen müssen, wurde seine Devise. Kapitel 2 behandelt Stalins Ausbildung am Priesterseminar. Seine dogmatischen, ja scholastischen Redebeiträge, etwa an Lenins Bahre, können hierauf zurückgeführt werden. Die bedrückende Atmosphäre in dem Priesterseminar in Tiflis - so werden ständig "Feldzüge gegen verdächtige Studenten geführt" (S. 40), machen Stalin zum Revolutionär. Stalins Aufstieg im Untergrund - so wird er bald Anhänger Lenins und nimmt als Delegierter an der Parteikonferenz der Bolschewiki (der Anhänger Lenins) im finnischen Tammerfors teil, wo er Lenin kennenlernt - sowie seine Teilnahme als Organisator bewaffneter Raubüberfälle der Bolschewiki werden dargestellt. Conquest untersucht dabei detailliert den immer wieder erhobenen Vorwurf, Stalin sei Doppelagent der zaristischen Geheimpolizei, der Ochrana, gewesen und kommt zu dem Schluss, der Vorwurf könne nach den bisherigen Erkenntnissen nicht aufrechterhalten werden (S. 64). Kapitel 5 beschreibt Stalins überaus passive Rolle während der Oktober-Revolution 1917 (diese Passivität hatte Michail Voslenski auf eine mögliche Spionage für die Ochrana zurückgeführt)und bilanziert hierbei eine "schwerfällige Anpassung an Krisensituationen und Veränderungen" - ein Verhalten, welches Stalin sein ganzes Leben lang beibehalten sollte. Die Schilderung des weiteren Aufstieges Stalins vor dem "langen Tod Lenins" zeigt, dass Stalin Lenin seit 1917 in allen wesentlichen Fragen unterstützte - trotz heftiger Auseinandersetzungen mit Trotzki anlässlich mehrer offenkundiger militärischer Versagen Stalins insbesondere in Polen 1920. Doch erst Stalins und Ordshonikidses gewaltsames Vorgehen zur Einführung der kommunistischen Herrschaft in Georgien 1921 und Meinungsverschiedenheiten über die neu zu bildende föderalistische Struktur der neuen Sowjetunion führten zu ernsthaften Auseinandersetzungen mit Lenin, die Conquest, wie zahlreiche andere Stalin-Biographen, detailliert beschreibt. Der Machtkampf mit dem todkranken Lenin und seinen Erben wird packend dargestellt, wobei im Gegensatz zu anderen Stalin-Biographien nicht so sehr auf persönliche Rivalitäten abgehoben wird, sondern die ideologischen Auseinandersetzungen als ausschlaggebend betrachtet werden: "Es muss immer wieder darauf hingewiesen werden, dass diese Auseinandersetzungen nicht zwischen Politikern im üblichen Wortsinne geführt wurden. Es ging nicht um die tagespolitischen Probleme des Landes, sondern um dessen langfristige Umgestaltung nach den Richtlinien eines bestimmten Dogmas." Nichtsdestotrotz schaltet Stalin zwischen 1923 und 1929 alle wichtigen Rivalen aus. Zunächst verbündet er sich mit den übrigen Mitgliedern des sowjetischen Politbüros erfolgreich gegen Trotzki. sodann verbündete er sich mit den "Rechten" um Rykow und Bucharin gegen Kamenew und Sinowjet und danach eliminierte er die bisherigen Verbündeten, die "Rechten". Stalins katastrophale Politik der Massenkollektivierung der Landwirtschaft, seine Angriffe gegen die sogenannten "Kulaken", die Kirche und Andersdenkende wird eindrucksvoll dargestellt. "Eine derartige Politik ließ sich nunr unter größtmöglicher Anwendung von Gewalt durchführen". Innerparteiliche Opposition dagegen, von dem ehemaligen Moskauer Parteisekretär Rjutin 1932 über die - zweifelsfrei von Stalin angeordnete (wie Conquest in Anlehnung an Rybakows Roman: "Die Kinder vom Arbat! " konstatiert) Ermordung seines Hauptrivalen, des Leningrader Parteichefs Kirow bis zu den Schauprozessen und der Ermordung der Altbolschewisten - wird rücksichtslos ausgeschaltet. Mit der Beseitigung Kirows hat Stalin seine "Selbstherrschaft vollendet" (S. 352). Auch kritische Militärs, wie Tuchatschewski, werden umgebracht - wobei Conquest die Rolle der Gestapo und Heidrichs bei diesen Fällen leider nicht beleuchtet. Inwieweit Stalin sich durch gefälschte deutsche Dokumente, die ihm zugespielt wurden, zum Handeln gegen die Armeeführung veranlasst sah, bleibt bei Conquest offen. Deutlich wird jedoch: "Stalin war während der großen Säuberung Urheber und Lenker des ganzen unmenschlichen Blutbades" (S. 265). Conquest arbeitet auch den Druck heraus, der durch den Terror nicht nur auf seine Opfer, sondern auch auf die gesamte Bevölkerung ausgeübt wurde (S 266). Nach Abschluss des Terrors 1938 kommt es zum Bündnis mit dem deutschen Diktator Hitler. Der "große Vaterländische Krieg" wird auf 40 Seiten eher kursorisch gestreift. Kapitel 13 und 14 beschäftigen sich mit Stalins letzten Lebensjahren und seinem zunehmenden Antisemitismus (S: 368). Ende 1952 mehren sich bei Stalin Anzeichnen einer wachsenden Paranoia und er bereitet eine neue Säuberung vor, wie die sogenannte "Ärzteverschwörung" im Januar 1953 zeigte. Doch da starb der Tyrann nach einem Schlaganfall am 5. März 1953. Conquest glaubt nicht an einen gewaltsamen Tod Stalins. Dies sei, so Mikojan gegenüber dem albanischen Staatschef Hodscha, zwar erwogen worden. "Aus seinen Worten ging jedoch hervor, daß sie dazu nicht in der Lage waren. Berija wurde immer wieder verdächtigt, er habe die Absicht gehabt, Stalin zu vergiften, aber auch dafür gibt es keinerlei Beweise. Wesentlich einleuchtender ist der Gedanke, daß Vorkehrungen getroffen wurden, Stalin im Fall einer Krise eine ärztliche Versorgung vorzuenthalten" (S. 393).
In einem Schlusskapitel: "Stalin heute" wird eine Bilanz über Stalins Wirken gezogen, wobei die Auseinandersetzung mit dem bis heute umstrittenen Begriff des "Stalinismus" in Abschnitt 7 und 8 allzu kurz und summarisch abgehandelt wird. Eines seiner ausgeprägten Merkmale sei ungewöhnliche Grausamkeit, eine ausgeprägte Mittelmäßigkeit im Verein mit einer ausgeprägten Willenskraft gewesen, wobei seine Persönlichkeit von einem tiefen Gefühl der Unsicherheit durchzogen gewesen sei. Fazit Conquests: "Wenn wir jetzt damit anfangen können, Stalin als eine Person der geschichtlichen Vergangenheit zu begreifen, dann geschieht es in der Hoffnung, daß niemals wieder ein Mensch wie er eine solche politische Macht erlangt."
Fazit
Insgesamt sehr eindrucksvolle Biographie
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne

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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 10. Januar 2004

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