Arnulf Zitelmann: "Ich will donnern über sie!": Die Lebensgeschichte des Thomas Müntzer

"Ich will donnern über sie!": Die Lebensgeschichte des Thomas Müntzer

Verlag: Beltz & Gelberg [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Biografie
ISBN-13 978-3-407-78794-1

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Die vorliegende Lebensbeschreibung des "wortgewaltigen Rebellen und Mystikers" der Reformation hat Arnulf Zitelmann mit großer Sympathie für den lange verkannten Bauernführer und Gegner Luthers verfasst. Eindringlich zeigt Zitelmann auf, dass Müntzer - im Gegensatz zu Luther - die "Kirche von unten" predigte und im Gegensatz zu diesem eine "herrschaftskritische Perspektive" (S. 105) an den Tag legte. Müntzer, über dessen Kindheit und Jugend nichts bekannt ist, radikalisiert sich mehr und mehr und nimmt Anstoß an den Praktiken der Herrschenden, die sich nicht am "leidenden Christus" orientierten. Gut zeigt Zitelmann die unterschiedlichen Konsequenzen, die Luther und Müntzer aus ihrer Kritik an Kirche und Herrschaft ziehen. Während Luther für sich selber Gewißheit und Frieden durch die Schrift der Bibel fand, hebt Müntzer auf den unmittelbaren Gottesstaat ab. Gott, der für Müntzer nur unmittelbar und direkt wirkt, kann neben der Kirche keinen Staat mit eigenen Rechten anerkennen, wie Luther dies tat. Zitelmanns Biographie zeigt auf, dass Müntzer Religion und Revolution durchaus miteinander vereinbaren konnte: "Religion als rückschrittliches, Revolution als fortschrittliches Denken bildeten, so sahen es vor allem marxistische Müntzerinterpreten, ein unversöhnliches Gegensatzpaar; und ein Denken in zwei Köpfen mochte man Müntzer nicht unterstellen. Also gab man die Theologie als religiöses Mäntelchen aus, als Tarnung oder doch wenigstens als zeitbedingte Verkleidung seiner sozialrevolutionären Ideen. Bei der bürgerlichen Forschung neigte man eher dazu, Müntzers radikale sozialkritische Perspektive als einen Strickfehler seiner Theologie herunterzuspielen. Daß man Thomas Müntzer damit so oder so Gewalt antat, wollte man in beiden Lagern nicht recht wahrhaben. Tatsächlich jedoch verfälschten beide Deutungen Müntzers Vision seiner Kirche von unten." (S. 71). In dieser Feststellung liegt meines Erachtens das Verdienst der vorliegenden, mit großer Sympathie für Müntzer verfassten Biographie. Müntzer wird nicht - je nach politischer Vorlieben - geteilt in den Politiker oder den Kirchenführer; Zitelmann zeigt das Gesamtsystem im Denken Müntzers auf und macht somit überzeugend nicht nur die Entwicklung des 1525 in Mühlhausen hingerichteten Predigers zum Rebellen deutlich. Er bemüht sich auch, ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Insbesondere die wechselseitige Abhängigkeit zwischen Luther und Müntzer wird verdeutlicht. Überraschend für mich auch, dass Müntzer spontane Gewalt ablehnte und durchaus als "Mann der Mitte" (S. 97) verstanden werden kann: "Rechts von ihm behaupteteten die Wittenberger [die Anhänger Luthers; B. N.] das Feld, die zwar die Kirche, doch nicht die Welt reformieren wollten, links von Müntzer erstreckte sich wiederum ein breites Spektrum sozialrevolutionärer Gruppen und Grüppchen, die mit Gewalt die herrschenden Verhältnisse umkehren wollten. In ihren Augen war Thomas, der in Gewalt immer nur das letzte Mittel sah, längst nicht radikal genug" (S. 99).
Fazit
Zitelmann zeichnet also auch hier ein äußerst differenziertes Bild einer Persönlichkeit, die in der deutschen Geschichtsschreibung bis in das vergangene Jahrhundert totgeschwiegen wurde. Dann von der Arbeiterbewegung wiederentdeckt, wurde Müntzer in DDR einseitig als politischer Revolutionär idealisiert, in der alten Bundesrepublik überwiegend als radikaler Bauernführer kritisch beäugt. Ihm in dieser fesselnd geschriebenen Lebensbeschreibung Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen, darin liegt Zitelmanns Verdienst.
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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 10. Januar 2004

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