Den rar gesäten Freunden gehobener Dichtkunst rate ich zu Lutz Seilers
"vierzig kilometer nacht". Brillanz, die an Unverstehbarkeit grenzt,
schillernde Wortgefäße, die man vor Glanz kaum fassen kann, Liebes und Böses,
Aufwendiges und Schlichtes, Glückliches und unglücklich Machendes: alles drin.
Was z. B. würde ich darum geben, "Vertigo" einmal von Seiler gelesen
zu hören bekommen. Und wie gut würde sich "Wir lagen vor Madagaskar und
hatten" als Superkurzstück auf der Bühne schlagen? Und warum "aqua
vitae" nicht auswendig lernen! Und B. Brecht würde sich freuen über
"Der Schrifthund"! Und C. Morgenstern würde "Gelobtes Land",
ein neunzeiliges Gedicht, das mit Begriffen wie Patenbusch, Eisenpilz und
geschweißter Elefant zu sich findet, einsaugen wollen! Und T. Adorno würde aus
seiner Suhrkamp-Ecke aufspringen, denn Seiler bringt den "beweis, dass von
beginn musik vorhanden war"!
Fazit
Sehr kunstvolle Gedichte, die sich den meisten, d. h. den wenigen
Lyrikliebhabern, für die dieser Band sich eignet, nur bei lautem Lesen
ent-dichten dürften; laut lesen: das beherzige man besonders im
"Hubertusweg", "umsolieber" und "Im Frühling".
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