Johannes Fried: Karl der Grosse. Gewalt und Glaube

Karl der Grosse. Gewalt und Glaube

Verlag: Verlag C. H. Beck [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Biografie
ISBN-13 978-3-406-65289-9

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2014 jährt sich der Todestag des berühmten Frankenherrschers und Kaisers Karl dem Großen zum 1200. Mal. In diesem Zusammenhang werden noch einige neuere Werke erscheinen und sie werden sich an der hier vorliegenden Biographie Johannes Frieds messen lassen müssen. Fried, einer der bekanntesten und angesehensten Mittelalterforscher Deutschlands, hat sich mit Karl dem Großen bereits mehrfach auseinandergesetzt, sei es in seinem monumentalen Werk "Der Weg in die Geschichte" oder in mehreren Fachartikeln. Nun legt Fried die Summe seiner bisherigen Forschungen zu Karl vor.

Fried hat sich für die in den letzten Jahren bei historischen Themen immer größerer Beliebtheit erfreuende Darstellungsform der Biographie entschieden, wenngleich er deutlich betont, wie problematisch dies ist. Die Quellen sind zumeist stark subjektiv gefärbt (wie die Reichsannalen oder die berühmte Biographie Einhards). Eine antike oder mittelalterliche Persönlichkeit lässt sich so kaum darstellen wie eine moderne Persönlichkeit, zumal die Zeitverhältnisse auf den modernen Betrachter oft sehr fremd wirken. Dennoch hat bereits Einhard nach Karl Tod eine Biographie verfasst, um den Frankenherrscher zu würdigen und seinen Nachfolger Ludwig den Frommen zumindest indirekt durch das glänzend erscheinende Vorbild Karls zu kritisieren. Fried ist nicht nur ein exzellenter Kenner der Quellen, sondern auch der modernen Forschungsliteratur. Diese hat Fried in seinem opulenten Werk eindrucksvoll verarbeitet. Tatsächlich ist Frieds Darstellung weit mehr als nur eine reine Tatenbeschreibung, vielmehr entfaltet er ein Panorama der Zeit um 800, vom maurischen Spanien über das Frankenreich bis ins ferne Byzanz.

Fried beschreibt zunächst die frühen Jahre Karls, die Umwelt des Frankenreichs und schließlich die Thronbesteigung. Die Kriege Karls, die dieser oft mit großer Brutalität führte (wie in Sachsen), werden in einem separaten Kapitel präzise, aber nicht ausschweifend beschrieben. Die folgenden drei Kapitel sind ebenfalls eher strukturell, weniger chronologisch arrangiert: Herrschaftsstrukturen, Herrscher und Königshof werden ausführlich geschildert. Diese Darstellungsweise hat für den Leser den großen Vorteil, dass er nicht von Jahr zu Jahr geführt wird, sondern den allgemeinen Kontext erfassen und gleichzeitig wichtige einzelne Ereignisse der Regierungszeit Karls verfolgen kann. Fried verliert das Leben Karls nie aus dem Blick und bettete so seine Lebensgeschichte in die Geschichte des Frankenreiches gekonnt ein. Breiten Raum nimmt auch die sogenannte "karolingische Renaissance" ein, die kulturelle Belebung des Frankenreichs. Die Kapitel 8 und 9 behandeln schließlich den Weg zur Kaiserkrone (einschließlich der komplizierten Vorgeschichte) und Karls Jahre als "römischer Kaiser". Das "erneuerte römische Kaisertum" sollte sich für den weiteren Verlauf der mittelalterlichen Geschichte im Westen und speziell im späteren römisch-deutschen Reich als wichtiger Faktor erweisen. Im letzten Kapitel wird anhand ausgesuchter Beispiele die Wirkungsgeschichte Karls beleuchtet, von der Erinnerungspflege in karolingischer Zeit, über seine Stilisierung zur Sagengestalt, dem Missbrauch seiner Person im Nationalsozialismus bis hin zur Vorstellung vom "Vater Europas" und den modernen Geschichtsbildern.
Fazit
Johannes Fried hat ein eindrucksvolles Buch über Karl und seine Zeit verfasst. Fried selbst betont den historischen Konstruktionscharakter - jede Annäherung an solch eine weit entfernte Zeit und anhand der verfügbaren Quellenbasis ist teils subjektiv. Dennoch hat Fried, einer der wenigen großen Stilisten unter den deutschen Historikern, eine spannende und flüssig lesbare Schilderung verfasst. Der Untertitel "Gewalt und Glaube" fasst die widersprüchlich erscheinenden Facetten des großen Karl gut zusammen - den bisweilen brutal agierenden Heerführer, aber auch den Glaubensmenschen, der zudem an Wissenschaft und Kultur interessiert war. Fried glorifiziert und dämonisiert nicht, sondern versucht dieses widersprüchlich erscheinende Bild zu deuten.

Karl bleibt dem modernen Betrachter zwar nicht selten eher fremd, doch durch Frieds beeindruckende und opulente Darstellung erhält der Leser einen gut lesbaren und fundierten Einblick in diese bewegte Zeit, die auch das moderne Europa nicht unerheblich prägt. Frieds Biographie stellt für den Rezensenten im Vergleich zu den jüngeren Werken der Historiker Hägermann, McKitterick und Hartmann die derzeit wohl beste Darstellung zu Karl und seiner Zeit dar. Dem Werk sind zahlreiche Leser zu wünschen - die Lektüre lohnt sich in jedem Fall.
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Vorgeschlagen von B. Kiemerer [Profil]
veröffentlicht am 30. September 2013

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