Tessa White: Die Insel der Orchideen

Die Insel der Orchideen

Verlag: Droemer Knaur [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: historischer Roman
ISBN-13 978-3-426-51163-3

Preis: 9,99 Euro bei Amazon.de [Stand: 10. Dezember 2016]
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Im letzten Jahr habe ich zufällig bei den Büchereulen eine Fragerunde mit Stefanie Burow gesehen/gelesen. Sie verbirgt sich hinter dem Pseudonym Tessa White, das - wie man auf der eben genannten Seite nachlesen kann - aus einer von der Autorin verfassten Namensliste seitens des Verlages gewählt wurde, damit LeserInnen unbelastet an ein neues Projekt der Autorin herangehen konnten. Aus Burows Feder stammt etwa auch Das Jadepferd. Ihre Romanideen werden aus eigenen Reiseerfahrungen im asiatischen Raum inspiriert.

Doch zurück zum gerade vor mir liegenden Buch Die Insel der Orchideen, das im November 2012 als Taschenbuch von Knaur herausgegeben wurde. Laut Klappentext geht es darin um Folgendes:

>>Schiffe aus aller Herren Länder, ein Gewirr von Stimmen, faszinierende Farben und berauschende Düfte - als die Schwestern Leah und Johanna 1856 in Singapur eintreffen, ahnen sie in ihrer Begeisterung nicht, dass die schillernde Löwenstadt ihr Schicksal bestimmen wird: Johanna nimmt den Antrag des jungen Geschäftsmannes Friedrich von Trebow an und übersieht die tiefen Gefühle, die ein anderer für sie hegt - ein folgenschwerer Fehler. Ihre wilde Schwester Leah verliert ihr Herz an einen jungen Chinesen, eine Beziehung, die nicht sein darf. Als man die Liebenden trennt, flieht Leah und begibt sich auf eine gefahrvolle Reise auf der Suche nach Anerkennung, Glück und nach sich selbst.<<

Im Gegensatz zu dem zuvor erwähnten Roman Das Jadepferd entführt die Autorin ihre LeserInnen nicht nur in eine exotisch angehauchte Welt, sondern auch in die Vergangenheit. Das tut sie atmosphärisch dicht und sprachlich an diese Zeit angepasst. Leah ist gerade 16, Johanna etwas älter. Sie begleiten ihre Eltern, da ihr Vater als Missionar in Hongkong tätig werden soll. Das Buch beginnt, nachdem die Reise dorthin bereits angetreten wurde. Bereits dabei wird klar, dass Leah und Johanna sehr unterschiedlich sind. Johanna als die große Schwester, von der viel erwartet wird, zeigt sich verantwortungsbewusst und besonnen. Das macht sie in den Augen ihrer abenteuerlustigen und wenig auf Konventionen bedachten Schwester langweilig, sagt aber zunächst wenig über ihre Hoffnungen und Wünsche aus. Und die hat sie zweifelsohne.

Die aus verschiedenen Perspektiven erzählte Geschichte dehnt sich über einen Zeitraum von etwa 30 Jahren. Und handelt genau genommen nicht nur vom Schicksal der beiden Mädchen, die ihrer Zeit voraus wirken. Neben ihnen kommt eine ganze Fülle anderer Charaktere zum Tragen. Wirklich blass ist niemand gezeichnet, egal ob sie größere und kleinere Rollen einnehmen. Nicht alle sind sympathisch, nicht all ihre Aktionen und Handlungen kann man gutheißen. Doch obwohl das eine oder andere Klischee nicht ausbleibt, wirkt niemand absolut trivial. Es gibt starke und schwache Persönlichkeiten, keiner ist perfekt.

Was mir sehr gut gefallen hat, war die Wahl des Handlungsortes. Denn während ich schon etliche Auswanderer-Geschichten mit Schauplätzen in der Neuen Welt, Australien oder Afrika gelesen habe, haben bisher wenige davon in asiatischen Ländern gespielt. Die Exotik von Land und Leuten in Die Insel der Orchideen ist wunderbar greifbar.

Das pastellfarben gestaltete Cover mit seinem blühenden Orchideenzweig und ein paar Dschunken auf ruhigem Gewässer führte mich, auf den Inhalt bezogen, allerdings völlig in die Irre. Nachdem ich ein unterhaltsam-leichtes Buch erwartet habe, lief ich Gefahr, das Buch abzubrechen. Obwohl man als LeserIn quasi gleich anfangs in das Geschehen gestoßen wird, konnte ich nicht so recht darin eintauchen.

Das lag auch an dem hohen Erzähltempo, welches die Geschichte prägt. Die Autorin verknüpft gleich mehrere Erzählstränge miteinander, die samt und sonders mit einer geballten Ladung an dramatischen Ereignissen gespickt sind. Dies auf fast drei Jahrzehnte verteilt auf 592 Seiten abzuhandeln geht nicht ohne Zeitsprünge. Davon gibt es auch prompt einige im Buch, was für mich den Lesefluss immer mal wieder ins Stocken gebracht hat.

Sehr zartfühlend geht die Autorin mit ihren Figuren nicht um. Von glücklichen Momenten, wie man vielleicht anhand des Covers erwarten könnte, bekommt man als Leser eigentlich nichts mit. Da der Fokus auf eine Familie gerichtet ist, fragt man sich unwillkürlich, wie groß der Magnet sein muss, der all das Unglück anzieht, das dieser widerfährt. Nach einem recht guten Start in ein neues Leben, läuft schon sehr bald alles schief, was nur schief laufen kann. Krankheit und Tod stehen erster Liebe, Liebschaften, Intrigen, Eifersucht, Streit und einer Ehe gegenüber, die nicht zu den besten zählt. Gewaltverbrechen in Form von Entführung, Vergewaltigung und Mord kommen ebenfalls vor. Abenteuer auch, das erklärt sich schon aufgrund des Neuanfangs in einer völlig anderen Welt, beschränkt sich jedoch nicht nur darauf. Geldprobleme erschweren das Leben darüber hinaus. Mit der unberechenbaren Natur kombiniert, sorgt das bei den Figuren für eine gefühlsmäßige vermutete Achterbahnfahrt, die in einem brisanten Finale gipfelt. Vermutet deshalb, weil man die Gefühle zwar permanent latent spüren, jedoch nicht so recht nachlesen kann. Durch die Zeitsprünge bedingt erschien mir vieles zu geballt-oberflächlich, ohne mich sonderlich tief zu berühren. Leider gelang es mir die meiste Zeit nicht, die Distanz zu den Romanfiguren zu überbrücken.

Das klingt jetzt schlimmer als es ist. Denn tatsächlich hielt mich neben meiner pathologischen Leselust nicht nur der atmosphärisch dichte, bildhaft gut gelungene Hintergrund inklusive kultureller Besonderheiten bei der Stange. Ganz unspektakulär fand ich mich doch irgendwann in der Geschichte wieder und bemerkte enttäuscht, dass ich auf der letzten Seite angekommen war. Die spielt letztlich übrigens nicht in Hongkong, sondern in Singapur, wo Johanna und ihre Familie hängen bleiben.
Fazit
Das hohe Erzähltempo lässt keine wirkliche Langeweile aufkommen. Es mindert jedoch den Lesegenuss, da vieles zu oberflächlich abgehandelt wird. Etwas weniger Drama und/oder deutlich mehr Seiten hätten Whites Roman Die Insel der Orchideen gut getan. Obwohl mich die Geschichte nicht konsequent gefesselt hat, habe ich mich letztlich doch überraschend gut unterhalten gefühlt. Deshalb möchte ich sechs von zehn Punkten dafür vergeben.

Copyright ©, 2013 Antje Jürgens (AJ)
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Vorgeschlagen von Ati [Profil]
veröffentlicht am 23. Februar 2013

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