Wilfried Loth: Helsinki, 1. August 1975: Entspannung und Abrüstung

Helsinki, 1. August 1975: Entspannung und Abrüstung

Verlag: dtv [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-423-30614-1

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Wilfried Loth, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Essen, ist bereits mehrfach als Autor der neueren Geschichte und der Zeitgeschichte hervorgetreten. Man denke nur an sein Werk über die DDR, "Stalins ungeliebtes Kind" oder den kompetenten Überblick über die Geschichte des Kaiserreiches von 1871-1914. 1998 erschien in der Reihe: 20 Tage im 20. Jahrhundert" Loths umfassende Darstellung über die Geschichte des Ost-West-Konfliktes, fokussiert am Thema der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa von Helsinki 1975.

In 8 Kapiteln legt Loth eine kompetente, jedoch immer gut lesbare und an erstklassigen, auch russischen Quellen, orientierte Darstellung der Geschichte des Ost-West-Konfliktes von 1945 bis heute. Es ist bis heute die beste Darstellung zu jenem Thema, welche ich kenne.

Im ersten Kapitel: "Zwischen Neutralisierung und Blockbildung" geht es um die grundlegenden Entscheidungen der Nachkriegszeit, die Entstehung der Blöcke NATO und Warschauer Pakt. Stalins Notenoffensive von 1952 wird beleuchtet, wobei die Motive der westlichen Regierungen wie auch Adenauers, für den eine Neutralisierung Deutschlands gleichbedeutend mit dem Auftakt zur Sowjetisierung des Landes gewesen ist (S: 27) wie auch Stalins Motive - basierend auf neueren russischen Quellen - deutlich gemacht. Die unterschiedlichen Interessen ließen einen Erfolg dieser Offensive und eine frühe Wiedervereinigung des Landes nicht zu. Ob Stalin das "Angebot zur Neutralisierung" wirklich später aufrecht erhielt, wie Loth andeutet (S. 29) ist allerdings umstritten, zumal der Kremlherrscher im Frühjahr 1953 starb. Durch seinen Tod kam es zu Bewegung in der Deutschlandpolitik, die insbesondere - vielleicht etwas überraschend - auf sowjetischer Seite Berija, auf westlicher Seite der erneut ins Amt gewählte britische Premierminister Churchill verkörperten. Der Abtritt dieser beiden Protagonisten von der Weltbühne jedoch scheiterten diese Bemühungen, auch der vielbeschworene "Geist von Genf", ausführlich dokumentiert im Kapitel 2: "Entspannung im kalten Krieg" konnte letztlich nicht von Dauer sein. Sie endete definitiv mit der Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes 1956. Kapitel 3 untersucht die Beziehungen Chruschtschows zu Kennedy in der Zeit zwischen 1961 und 1963, der krisenhaftesten Zeit der Ost-West-Beziehungen (siehe Kuba-Krise). Loth orientiert sich dabei an dem Grundlagenwerk von Michale Beschloss: JFK: Die Kennedy-Jahre 1960-1963, dem bis heute unübertroffenen Grundlagenwerk über jene Jahre, den Loth auch als Quelle benennt und auf den er sich mehrfach bezieht. Auch der Kuba-Krise wird ein Kapitel gewidmet. Die Quellen liegen heute detailliert vor, zuletzt hervorragend zusammengefasst von Stefan Bierling in seiner "Geschichte der amerikanischen Außenpolitik" 2003. Chruschtschow setzte sich über Bedenken seines Politbüro-Kollegen Mikojan hinweg, Kennedy konnte sich der "amerikanischen Öffentlichkeit als entschlossener und zugleich verantwortungsvoller Verteidiger westlicher Interessen präsentieren, während Chruschtschow blockintern nur wenig zur Rechtfertigung seiner Aktion vorzuweisen hatte." (S. 101). Immerhin zeigte die Kuba-Krise beiden Weltmächten, wie nahe sie der gegenseitigen nuklearen Vernichtung gekommen waren. Dies durfte nie wieder geschehen. Insofern wurde die Kuba-Krise auch "Geburtshelfer" der folgenden Entspannungspolitik bis 1979, beginnend mit dem Atomteststopp-Abkommen und der Installierung eines "heißen Drahtes" zwischen dem Kreml und dem weißen Haus.

Der Fortgang der Geschichte der Ost-West-Beziehungen wird in den weiteren Kapiteln nachgezeichnet. Höhepunkt der Entspannungspolitik war die Konferenz von Helsinki am 01. August 1975. Doch diese Zeit endete spätestens mit den Nato-Doppelbeschluss vom 12. Dezember 1979. Am selben Tag beschloß das sowjetische Politbüro den Einmarsch seiner Truppen in Afghanistan. Bereits zu diesem Zeitpunkt - also noch unter Carter (vgl. Kapitel: "Carters Kurswechsel", S. 203) war die Entspannungspolitik beendet, nicht erst seit dem Amtsantritt von Ronald Reagan 1981. Die Umsetzung des Nato-Doppelbeschlusses führte zum Abbruch der Mittelstrecken-Verhandlungen in Genf im November 1983. Doch diese Konfrontation hatte beide Mächte in die Sackgasse geführt. Reagan wollte 1984 wiedergewählt werden und hatte massiv aufgerüstet, und auch die Moskauer Führung hielt, seit seine Wiederwahl abzusehen war (S. 230), nach Gelegenheiten Ausschau, doch noch zu Vereinbarungen mit Reagan zu kommen. Bereits unter Konstantin Tschernenko (Staats- und Parteichef der UdSSR 1984-1985) stimmte das Politbüro neuen Verhandlugnen über "nukleare und Weltraumwaffen" zu. Doch erst das Auftauchen Gorbatschows führte zum Ende des Ost-West-Konfliktes, zu neuer Entspannung und schließlich zur Auflösung der Systemkonfrontation und des Ost-West-Konfliktes. Dies wird in Kapitel 8 ausführlich dargestellt.

In einer Bilanz wendet sich Loth gegen die weitverbreitete Auffassung, erst das harte Auftreten des Westens in der Nachrüstungskrise und Reagans Kampfansage an das "Reich des Bösen" habe die sowjetische Führung zum Einlenken gezwungen. Bernd Stöver hat in seinem hervorragenden Werk: "Der kalte Krieg" gut herausgearbeitet, dass ein komplexes Ursachenbündel zum Ende des Ost-West-Konfliktes beigetragen hat. Loth bilanziert: "Nichts kann falscher sein als diese nachträgliche Selbstbeweihräucherung hartnäckiger Entspannungskritiker. Tatsächlich wich Gorbatschow nicht westlichem Druck, er handelte vielmehr aus eigener Einsicht: Einsicht in die Unhaltbarkeit eines Kommandosystems, das die Entfaltung der gesellschaftlichen Kräfte immer stärker behinderte, Einsicht in die wachsende Kontraproduktivität militärischer Machtentfaltung, Einsicht in die Dringlichkeit blockübergreifender Friedenssicherung. Daß sich diese Einsichten an der Spitze des Sowjetsystems durchsetzten, war die entscheidende Voraussetzung für die Preisgabe der leninistischen Ideologie und den Rückzug der militärischen und polizeilichen Macht des sowjetischen Imperiums." (S. 273).
Fazit
Diese Sicht teile ich und finde dieses Buch insgesamt die beste Darstellung des Ost-West-Konfliktes zwischen 1945 und 1990, wobei der Autor sich bemüht, die Sichtweisen der Akteure beider Supermächte angemessen zu würdigen und darzustellen. Denn nur wer die Sicht beider Seiten kennt, kann die Geschichte dieser Zeit mit größtmöglicher Objektivität darstellen. Dies ist dem Autor meines Erachtens sehr gut gelungen.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 24. November 2003

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