Antonia Michaelis: Der Märchenerzähler

Der Märchenerzähler

Verlag: Oetinger Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Jugendroman
ISBN-13 978-3-7891-4289-5

Preis: 16,95 Euro bei Amazon.de [Stand: 08. Dezember 2016]
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"Der Märchenerzähler" von Antonia Michaelis reizte mich, weil es 2012 auf der Nominierungsliste der Jugendjury des deutschen Jugendliteraturpreises stand. Worum geht es? Die 18-jährige Anna verliebt sich Hals über Kopf in den geheimnisvollen und undurchschaubaren Abel Tanatek, "polnischer Kurzwarenhändler" genannt, der mit ihr einige Kurse besucht. Besonders imponiert ihr, wie er sich um seine kleine Schwester Micha kümmert. Abel reagiert zunächst kühl und abweisend auf Annas Interesse und will sie nicht in seine Welt lassen. Doch allmählich schmilzt das Eis zwischen beiden. Dass Anna sich dabei in Gefahr begibt, ahnt sie nicht....

Antonia Michaelis kann spannend schreiben. Die Erzählperspektiven wechseln zwischen verschiedenen Figuren der Handlung. Antonia Michaelis besticht durch gekonnten Spannungsaufbau, wie er beispielhaft im ersten, aber auch im vorletzten Kapitel vorgeführt wird und den Leser buchstäblich "den Atem stocken" lässt.

Aber:
Dies alles hätte Anlass für einen spannenden Thriller werden können, doch meines Erachtens vertut Antonia Michaelis diese Chance. Denn um die Handlung voranzutreiben, stattet sie Protagonistin Anna mit einer Naivität aus, die meines Erachtens in der heutigen Zeit unrealistisch ist. Dies mag am Anfang noch nicht stören (ich finde es nachvollziehbar, dass Anna von der lebensecht gezeichneten kleinen Schwester Abels, Anna, fasziniert ist und Abel vor allem mag, weil er sich um diese Schwester kümmert). Was ich ihr allerdings nicht abnehme ist, dass Anna auch nach ihrer Vergewaltigung durch Abel (auch wenn dieses Wort im Roman nicht fällt) nicht "aufwacht" und weiter zu ihm hält, ihm gar verzeiht. Dies konnte ich nicht nachvollziehen. Für mich ist das Verhalten der Protagonistin Anna fast nicht mehr Liebe, sondern "Hörigkeit".

Außerdem habe ich die Motivation Abels, sich auf Anna "einzulassen" und seine ablehnend-reservierte Haltung ihr gegenüber aufzugeben, nicht nachvollziehen können. Ob es sich - wie im Klappentext angedeutet - daher tatsächlich um eine Liebesgeschichte handelt, ist m.E. wirklich Definitionssache.

Und auch angesichts der weiteren Handlung - Abel wird zum Doppelmörder - bleibt zu fragen, warum Anna aufgrund dieser Entwicklungen so spät "aufwacht" und ihm am Ende sogar noch diese Morde "verzeiht". Problematisch finde ich, dass dadurch die Taten Abels letztlich bagellisiert werden. Lässt sich durch Liebe (oder doch wohl besser: "Hörigkeit") einem Mörder gegenüber alles rechtfertigen? Vergewaltigung, Handel mit Drogen, Mord? Diesen Eindruck hatte ich nach der Lektüre. Ich hätte mir in jedem Fall eine "emazipiertere", selbstbewußtere "Heldin" gewünscht, wie sie im Buch selbst nicht durch Anna, sondern durch ihre Freundin Gitta dargestellt wird.
Fazit
Fazit: So bleibt der Gesamteindruck für mich zwiespältig: Liebe - oder Hörigkeit -rechtfertigen bedingungslose Loyalität einem Verbrecher gegenüber - zumindest habe ich Annas Verhalten am Ende des Buches, als sie Abel alles vergibt und verzeiht - so empfunden. Mit dieser "Botschaft" - zumindest habe ich dies so empfunden - habe ich massive Probleme, auch wenn das Buch ansonsten durchaus spannend geschrieben ist.
4 Sterne4 Sterne4 Sterne4 Sterne4 Sterne4 Sterne4 Sterne4 Sterne4 Sterne4 Sterne
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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 17. Januar 2013

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