Gregor Schöllgen: Willy Brandt: Die Biographie

Willy Brandt: Die Biographie

Verlag: Econ Ullstein List Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Biografie
ISBN-13 978-3-548-36456-8

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Der Historiker Gregor Schöllgen hat sich als ausgewiesener Experte bundesdeutscher Geschichte einen Namen gemacht. Werke über die Außenpolitik der Bundesrepublik und über die deutsche Außenpolitik seit Friedrich dem Grossen weisen ihn als kompetent und kenntnisreich aus.
Daher war ich sehr gespannt auf die Brandt-Biographie, die meinen Erwartungen allerdings nicht gerecht wurde. Sie ist viel zu kurz, die Schwerpunkte sind unglücklich gewählt und behandeln insbesondere die Zeit als Bundesaußenminister und als Bundeskanzler zu kursorisch (nämlich auf 82 Seiten von 320). Wer über diese wichtige Zeit zwischen 1969 und 1974 mehr erfahren möchte, der sollte das noch heute bahnbrechende Werk "Machtwechsel" von Arnulf Baring aus dem Jahre 1981 heranziehen. Hier entsteht ein plastisches Bild Willy Brandts.
Nun können dem Historiker Schöllgen keine sachlichen Fehler nachgewiesen werden; die verfügbaren Quellen - aus dem Willy Brandt Archiv - hat er ausgewertet, unter anderem den Briefwechsel mit Helmut Schmidt vom November 1982, der ein Licht auf die beiderseitigen Beziehungen seit den 1970-ger Jahren wirft.
Trotz allem enttäuscht das Werk, weil es den Menschen Willy Brandt nicht nahebringt. Der Autor hat keine Struktur, er schafft es nicht, in seiner - relativ schmalen Biographie - wesentliche von unwesentlichen Sachverhalten zu trennen. Fazit: Ich empfinde die vorliegende Biographie als "seelenlos", gerade bei diesem einfühlsamen und einsamen Menschen - egal, wie man zu ihm stehen mag. Ein Beispiel für eine gewisse Oberflächlichkeit sei hier gegeben: so wird der Einfluss seiner Umgebung wird zwar skizziert, Folgerungen (etwa über den Einfluss Brigitte Seebacher-Brandts) bleiben jedoch aus. So heißt es zwar auf S. 230, ihr Einfluss sei enorm, aber dies war es dann auch. In welcher Weise er sich auswirkte, wird nicht gezeigt.
Zwar würdigt Schöllgen das Format Willy Brandts, insbesondere am Ende seiner Biographie und bilanziert am Ende: "Die Schwächen Willy Brandt waren seine Stärke"; dennoch fehlt mir gerade diese - bei Brandt doch äußerst wichtige - Wechselwirkung zwischen Persönlichkeit und Erfolg. Vereinzelte Ansätze wie: "Willy Brandt hat das Herz des Volkes gewollt und er hat es erobert, weil er gelitten hat" (S. 212) genügen mir hier nicht. Zu nüchtern ist meines Erachtens diese Biographie abgefasst.
Fazit
Dieses Werk ist aus meiner Sicht enttäuschend und kommt dem Menschen Brandt nicht nahe. Seine Zeit als Außenminister und Bundeskanzler 1966-1974 wird - wie bereits erwähnt - viel zu kurz dargestellt. Wer sich intensiver mit Brandt beschäftigen möchte, sollte zu Barings "Machtwechsel" oder der neuen Brandt-Biographie von Merseburger greifen.
3 Sterne3 Sterne3 Sterne3 Sterne3 Sterne3 Sterne3 Sterne3 Sterne3 Sterne3 Sterne
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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 08. November 2003

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