Hermann Schreiber hat eine spannend geschriebene Dokumentation über den
"Kanzlersturz" Willy Brandts vorgelegt. Auf rund 270 Seiten beschreibt
er den Verlauf der Spionageaffaire Guillaume, Grundlage des Fernsehfilms
"Im Schatten der Macht". Darin wird ausführlich der Aufstieg
Guillaumes beschrieben, beruhend auf den bisher vorliegenden Quellen und von
Zeitzeugen. Die ganze Geschichte um den Rücktritt Willy Brandts wird spannend
erzählt - ohne die Sympathie des Autors und langjährigen Spiegel-Journalisten
für Brandt zu verleugnen. So entsteht ein sehr spannendes Buch, welches als
Einführung in diese Zeit gut geeignet ist. Allerdings habe ich mich die ganze
Zeit gefragt: handelt es sich hierbei um ein streng wissenschaftliches Sachbuch
oder eher einen dokumentarischen Roman? Quellen am Ende sind benannt worden,
aber für ein wissenschaftliches Fachbuch sind die Aussagen zu dünn. Alles
wesentliche wurde bereits in Arnulf Barings Darstellung "Machtwechsel" aus dem Jahre 1982
vorgelegt. So bilanziert Schreiber zu Beginn seines Buches: "Als 1982
Arnulf Barings Buch "Machtwechsel" erschien - bis heute die beste
Darstellung der Ära Brandt-Scheel, die ich kenne - hielt ich mein
"Unterfangen" [gemeint war die Planung des Buches und des Films] für
überholt."
Und hier beginnt mein kritisches Nachfragen: Wirklich Neues hat Schreiber nicht zu bieten: alles wesentliche ist durch Barings oben erwähntes Buch und die Brandt-Biographien von Merseburger (2002) und Schöllgen (2001) gesagt. Nicht umsonst scheint mir das Buch die Ursachen des Kanzlerrücktrittes eher zu verstellen, wenn einzig und allein auf die Spionageaffaire Guillaume und ihre Auswirkungen abgehoben wird. Hat Schöllgen nicht recht, der in seiner Brandt-Biographie und in einer kürzlich in der "Zeit-Literatur" (40, 58. Jg., S. 40) erschienenen - äußerst kritischen - Rezension zum vorliegenden Band schreibt: "In Wahrheit", hat Willy Brandt später einmal vor laufender Kamera gesagt, "war ich kaputt, aus Gründen, die nichts mit dem Vorgang zu tun hatten, um den es damals ging." - so das Zitat aus Schöllgens Brandt-Biographie und der oben genannten Rezension. Und genau darum geht es: die Einzelheiten - sowohl des Filmes als auch des Buches - sind spannend erzählt und geschrieben - sie eignen sich hervorragend für einen Agententhriller. Die eigentliche Frage aber, "Warum Willy Brandt zurücktrat" wird nicht geklärt. Gegenüber den Darstellungen von Merseburger, Baring und Schöllgen gibt es nichts "Neues". Auch die Frage, ob Erich Honecker von seinem Geheimdienstchef informiert worden ist und von der Platzierung Guillaumes im Kanzleramt im Voraus informiert war - bleibt offen. So ist festzuhalten, dass das vorliegende Werk nichts "Neues" bringt und Schöllgens Resumee aus seiner Rezension kann ich daher nur zustimmen: "Von einem Buch mit diesem Anspruch [die Ursachen des Brandt-Rücktritts aufzuklären] erwartet man mehr." Fazit
Daher als Fazit: ein spannend geschriebener dokumentarischer Roman, der die
Affaire, aber auch die Stimmung im damaligen Bonn, besonders unter den
sozial-liberalen Journalisten der Brandt-Ära, deutlich macht und spannend
geschrieben ist. Als wissenschaftliches Sachbuch aber ohne Neuigkeitswert und
daher letztlich - enttäuschend.
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