Matthias Politycki: Ratschlag zum Verzehr der Seidenraupe

Ratschlag zum Verzehr der Seidenraupe

Verlag: Hoffmann und Campe [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Lyrik
ISBN-13 978-3-455-05891-8
Preis: 14,90 Euro bei Amazon.de [Stand: 07. September 2008]

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Mit "aller Zeit der Welt" richtet sich ein alter Chinese auf, um "Schleim, tief aus dem Schlund" auszurotzen; paar Zeilen später schmückt asiatischen Boden eine "runde Sache, gewaltig grün in seiner Art", zum Berühren verführend. So, nur viel rhythmischer und eleganter, beginnt Matthias Polityckis Gedichtband "Ratschlag zum Verzehr der Seidenraupe". Es folgen andere "Fernöstliche Konfusionen", später verheißungsvolle Kapitel wie "Beim nächsten Bier wird alles anders" oder "Abträgliche Nebenwirkung von Kioskbesuchen", in dem sich "Miss Schüttelkorb", eines der phantastischsten unter 66 phantastischen Gedichten, versteckt - - "Miss Schüttelkorb", irgendwo zwischen flottem Naturgedicht, Besprechung eines Playboy-Covers, und dokumentierter Erektion, ein raffiniertes, lieblich böses, zugleich leicht atmendes und sofort zugängliches Gedicht. Im Titelgedicht erfahren wir, zu welchem Seidenraupensuppenkochzeitpunkt man mit welchen Zahnstocher in welchen Teil der farbig unterschiedlich gearteten Raupenanatomie steche.
Fazit
Politycki treibt seine Gedichte hart an die Grenzen des Sinns/Unsinns, vielleicht bestes Beispiel "Drei Einwanderer im Okavango-Delta, einen Khakihosenträger flussabwärts befördernd" - - sechs mal "Hmmm" plus fünf mal "nice eat!" plus ein unerklärliches 51-Buchstabenwort tun hier jedem gewitzten Leser seine Freude an. Er schreibt artistisch, doch verliert sich an keiner Stelle in den scheinbaren Sprachwirrsal, seine Verfremdungen bestechen auch durch ihre Solidität; er ist musikalisch, ohne posaunen und trompeten zu müssen; er schreibt Gedichte für Männer, sanft und kräftig, melancholisch und beherzt, verrückt -und schlüssig, exotisch bis vertraut. Mit den Kantschen Grundsatzfragen "Was dürfen wir hoffen? Was sollen wir glauben? Was können wir tun?", mit denen die Sammlung eröffnet wird, hat das Ganze viel zu tun, nur unterlässt es Politycki, auf Kant -mit Kant zu antworten, Politycki ist heute, und diese Gedichte werden auch in Jahrzehnten vergnügen, Lachen machen, aufwecken.

Vorgeschlagen von Paul Niemeyer [Profil]
veröffentlicht am 08. November 2003

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