John Freely: Platon in Bagdad

Platon in Bagdad

Verlag: Klett-Cotta Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-608-94766-3

Preis: 24,95 Euro bei Amazon.de [Stand: 10. Dezember 2016]
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"Platon in Bagdad" ist ein kultureller Reiseführer, doch führt der (keineswegs unpassende) Titel etwas in die Irre. Der in Istanbul lebende Wissenschaftshistoriker Freely schildert darin nicht nur, wie im frühen Mittelalter das Wissen der griechischen Antike in den arabischen Raum gelangte, sondern berichtet ebenfalls (wenngleich teils sehr knapp) über die ursprünglichen antiken griechischen Gelehrten. Anschließend wird ein gewaltiger kultureller "Wissenstransfer" geschildert. Nicht zuletzt vermittelt durch christliche Autoren, erhielten die im 7. und 8. Jahrhundert militärisch erfolgreich agierenden muslimischen Araber Einblick in die Welt des antiken griechischen Wissens. Dieses ging am Ende der Spätantike im Westen zwar weitgehend verloren, wurde aber im Byzantinischen Reich und sogar im sasanidischen Persien bewahrt. Nachdem die muslimischen Araber weite Teile des christlichen Orients sowie Persien erobert hatten, begannen sie sich näher mit dem griechischen Kulturerbe zu beschäftigen. Texte wurden ins Arabische übersetzt und später auch kommentiert. Sie gaben den Anstoß für selbstständige Überlegungen und Traktate arabischer Gelehrter.

Freely beschreibt in 18 Kapiteln anschaulich diese Entwicklung, beginnend im antiken Griechenland, über die Spätantike und Byzanz sowie die spätere kulturelle Hochblüte im abbasidischen Kalifat von Bagdad. Im Westen lange verlorenes Wissen gelangte über Umwege, so aus Byzanz und der arabischen Welt, erst später wieder in das lateinische Europa. Nicht selten dienten arabische Autoren und Kommentatoren als Vermittler, deren Texte auch teilweise übersetzt wurden. Griechisches Wissen erreichte nun den Westen. Im Spätmittelalter wurde im lateinischen Europa wieder verstärkt Aristoteles gelesen und kommentiert. Eine kulturelle Befruchtung, die noch lange nachwirkte, bis in die beginnende Neuzeit und zu Kopernikus und Newton. Im islamischen Raum hingegen folgte auf eine Glanzzeit des wissenschaftlichen und kulturellen Aufbruchs schließlich eine Art Abenddämmerung.
Fazit
Freely erhebt nicht den Anspruch einer wissenschaftlichen Handbuchdarstellung, so dass die Belege auch recht rudimentär sind. Einige Flüchtigkeitsfehler haben sich zudem eingeschlichen. Theophilos von Edessa z. B., ein berühmter christlicher Gelehrter, Astrologe und Geschichtsschreiber, der am Hof des Kalifen in Bagdad wirkte, starb 785, nicht 789 (S. 101). Leider wird er ebenso wie manch anderer Autor nur am Rande von Freely erwähnt, doch stellt dies auch kein Handbuch dar. Überhaupt mag die relativ knappe Aufzählung zahlreicher Gelehrter auf den Laien abschreckend wirken. Freelys Stil ist aber flüssig und seine Darstellung informativ. Sie stellt schon für sich einen Gewinn dar, denn zwar ist der hier beschriebene Kulturtransfer in der historischen Wissenschaft lange bekannt und wird auch untersucht (zu nennen ist neben anderen z. B. Dimitri Gutas), aber es ist in der Breite der Bevölkerung eher unbekannt. Die guten Verkaufszahlen des vorliegenden Buches lassen hoffen, dass sich dies nun zumindest zu einem kleinen Teil ändert.
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Vorgeschlagen von B. Kiemerer [Profil]
veröffentlicht am 05. November 2012

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