Viktor Abravanel, Historiker und Spezialist für Frühe Neuzeit, hält einen
Vortrag über das Thema "Wer war Baruch Spinozas Lehrer?"; am Abend vor
seiner Abreise nach Amsterdam nimmt er teil am fünfundzwanzigjährigen
Maturajubiläum, er trifft Schul- und Klassenkameraden von damals, seine große
Jugendliebe Hildegund, und seine Lehrer; diese spricht er auf ihre
Nazivergangenheit an, es kommt zum Desaster, zu rüden Beschimpfungen,
Hassbekenntnissen, man trennt sich, übrig bleiben Hildegund und Viktor. Nun
setzt die Geschichte ein, d. h. zwei Geschichten; zum Einen verfolgt der Leser
Viktors Werdegang von 1955 bis zu jenem Maturafest; zum Anderen werden wir (und
das sehr detailliert und hintergründig) eingeweiht in das Leben des Rabbiners
Samuel Manasseh bin Israel, der, 1604, zur Hochzeit der Inquisition, in Portugal
geboren, zusammen mit seinen Eltern nach Amsterdam flüchten muss. Dem Autor
Robert Menasse gelingt diese von-weit-hergeholt-scheinende Verstrickung
österreichischer 70er Jahre und spanisch-niederländischen 17. Jahrhunderts
(=vier europäische Jahrhunderte) verblüffend gut; um es sehr einfach zu sagen:
die eine Biografie liest sich wie die zweite, d. h. jene Intoleranz, jene
Religionsenge, jenes Glaubens-, Lebens- und Anpassungsdiktat des Rabbi Manasseh
ähnelt den Lebensumständen Viktors, der zusätzlich unter Spießbürgerlichkeit,
Konsumnarrheit und Maskenhaftigkeit der Menschen leidet. Weil der junge Viktor
durchweg seiner marxistischen Weltanschauung nachhängt, bleibt er als
literarische Figur etwas blass, er ist, wenn man so will, mehr Roman- als
Lebenssinn, er wirkt konstruiert, leicht erzwungen, ein Abbild seiner Ideologie.
Die ständigen Kalauer Viktors stehen, wie ich meine, stellvertretend für die
grundsätzliche Sprachohnmacht des Menschen; überhaupt entwickelt der Roman ein
sehr interessantes Verhältnis dazu, was Sprache leisten kann; zum Beispiel hat
Menasse auf eine gewöhnliche Einteilung in Kapitel verzichtet, statt dessen
liest man unter "Inhalt" "1. Kapitel: Amok" - "2.
Kapitel: Koma" - "3. Kapitel: Komma" - "4. Kapitel:
Makom"; keine Seitenzahlenangabe also, jeder Leser mache sich seinen Reim
auf Kapitelende und -anfang. Weitere Fragen, die die "Vertreibung"
aufwirft: Warum werden die Menschen aus ihrer Geschichte nicht klüger?, wer darf
sich woran erinnern und was darf dieser anderen an Erinnern und Gedenken
abverlangen?, ist "Die Vertreibung aus der Hölle" akut?, d. h. sind
Krieg, Machthaberei, Diktatur, Intoleranz, Unfreiheit, Verfolgung und Emigration
von der Erde verschwunden?
Fazit
Menasses Roman ist sehr gut geschrieben, die Spannung flacht auf keiner der 500
Seiten ab, die aufwendige Gestaltung bleibt bis zum Schluss plausibel; geeignet
ist er für anspruchsvolle Leser; die Gestaltung des Covers mit dem Porträt des
Rabbi Menasseh nach dem Ölgemälde von Rembrandt war ein so nahe liegender wie
guter Einfall.
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