Wolfgang Hohensee: Getroffen. Ultrakurzgeschichten.

Getroffen. Ultrakurzgeschichten.

Verlag: Frieling-Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-8280-0153-4

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Für die Freunde minimalistischer Erzählkunst ist dieser Band ein Muss: Wolfgang Hohensee lässt aufhorchen, knapp tausendmal auf 190 Seiten. Nie länger als 7 Zeilen, verstehen es seine "Ultrakurzgeschichten" den Leser über die Angelegenheiten Ehe, Arbeitsleben, Aus- und Ansehen etc. neu nachdenken zu lassen; nein, das stimmt nicht, Hohensees Einblicke sind teils derart gescheit, dass man sich das Nachdenken (teils) schenken kann; dabei geht er nicht einmal betont nachdenklich und großartig gehoben vor, denkbar einfach sind seine Bilder, Beispiel (Titel "Reinfall"): "Sie heiratete, um ein Kind zu bekommen. Ihr Mann war arbeitsscheu und wurde Hausmann. Als sie geschieden wurden, wollte die Tochter beim Vater bleiben.". Also unerhört schlicht die Szene, anspruchslos hintergründig die Aussage, Schicksale mikroskopisch verdichtet. Schlau bis auf-den-Kopf-gefallen, tragisch bis unverbindlich, fröhlich bis unglücklich geht es zu im diesem Buch, "Er fühlte sich zum Künstler berufen. Doch wurde er nur Lehrer. Seinen Frust vermittelte er großzügig." (Titel: "Keine Kunst"). Hohensee hängt keiner soziologischen oder politischen Schule (…kann man das schreiben?) an, man lese das allererste Bonmot (Titel: "Motto"): "Die Ehe ist - genau wie der Sozialismus - eine schöne Sache. Aber die Menschen sind leider nicht dafür geschaffen."; wer wüßte hier zu sagen, ob der Autor Sozialismus-freundlich / -unfreundlich, Ehe-feind / -Verfechter ist? Die Sprache steigert sich stellenweise ins subtilere Höhen ("Ohne ihn ging es nicht. Jedenfalls nicht ganz so gut. Erst einmal."; Titel: "Unersetzlich".), auch seine Verfremdungen gängiger Redewendungen sind geglückt, viele der Texte eignen sich für größere Erzählungen, was zum Beispiel liesse sich aus einem "Jahrelang verehrte er eine Frau, ohne es ihr zu sagen. Als sie einen anderen heiratete, war er IHR gram, nicht sich" (Titel: "Der Schüchterne") schreibend alles machen!
Fazit
Hohensees "Ultrakurzgeschichten" halte ich für einen literarischen Geheimtip.
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne

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Vorgeschlagen von Paul Niemeyer [Profil]
veröffentlicht am 22. Oktober 2003

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