Für die Freunde minimalistischer Erzählkunst ist dieser Band ein Muss: Wolfgang
Hohensee lässt aufhorchen, knapp tausendmal auf 190 Seiten. Nie länger als 7
Zeilen, verstehen es seine "Ultrakurzgeschichten" den Leser über die
Angelegenheiten Ehe, Arbeitsleben, Aus- und Ansehen etc. neu nachdenken zu
lassen; nein, das stimmt nicht, Hohensees Einblicke sind teils derart gescheit,
dass man sich das Nachdenken (teils) schenken kann; dabei geht er nicht einmal
betont nachdenklich und großartig gehoben vor, denkbar einfach sind seine
Bilder, Beispiel (Titel "Reinfall"): "Sie heiratete, um ein Kind
zu bekommen. Ihr Mann war arbeitsscheu und wurde Hausmann. Als sie geschieden
wurden, wollte die Tochter beim Vater bleiben.". Also unerhört schlicht die
Szene, anspruchslos hintergründig die Aussage, Schicksale mikroskopisch
verdichtet. Schlau bis auf-den-Kopf-gefallen, tragisch bis unverbindlich,
fröhlich bis unglücklich geht es zu im diesem Buch, "Er fühlte sich zum
Künstler berufen. Doch wurde er nur Lehrer. Seinen Frust vermittelte er
großzügig." (Titel: "Keine Kunst"). Hohensee hängt keiner
soziologischen oder politischen Schule (…kann man das schreiben?) an, man lese
das allererste Bonmot (Titel: "Motto"): "Die Ehe ist - genau wie
der Sozialismus - eine schöne Sache. Aber die Menschen sind leider nicht dafür
geschaffen."; wer wüßte hier zu sagen, ob der Autor Sozialismus-freundlich
/ -unfreundlich, Ehe-feind / -Verfechter ist? Die Sprache steigert sich
stellenweise ins subtilere Höhen ("Ohne ihn ging es nicht. Jedenfalls nicht
ganz so gut. Erst einmal."; Titel: "Unersetzlich".), auch seine
Verfremdungen gängiger Redewendungen sind geglückt, viele der Texte eignen sich
für größere Erzählungen, was zum Beispiel liesse sich aus einem "Jahrelang
verehrte er eine Frau, ohne es ihr zu sagen. Als sie einen anderen heiratete,
war er IHR gram, nicht sich" (Titel: "Der Schüchterne")
schreibend alles machen!
Fazit
Hohensees "Ultrakurzgeschichten" halte ich für einen literarischen
Geheimtip.
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