Manuel Vázquez Montalban: Carvalho und der Mord im Zentralkomitee

Carvalho und der Mord im Zentralkomitee

Verlag: Rowohlt Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Krimi
ISBN-13 978-3-499-43116-6

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Manuel Vazquez Montalbans vorliegender Kriminalroman wurde - meines Erachtens völlig zu recht - zu den hundert besten Kriminalromanen gezählt, die jemals erschienen sind. Ich habe selten so viel über die Geschichte und den Alltag in Spanien in der Neuzeit erfahren wie in diesem Kriminalroman, der sich intensiv mit der Geschichte des spanischen Kommunismus, aber auch der Ideologie dieser Weltanschauung beschäftigt. Der im Oktober 2003 überraschend verstorbene Autor hat mit dem wunderbaren Gourmet Pepe Carvalho nicht nur eine wichtige Figur des Kriminalromans geschaffen, sondern - insbesondere mit diesem Roman - auch sein Faible für politische und zeitgeschichtliche Bücher bewiesen.
Im vorliegenden Kriminalroman muss Carvalho die Hintergründe am Mord an dem charismatischen Kommunistenführer Garrido untersuchen. Dieser Mord führt zu politischem Aufruhr, in Madrid herrscht der Ausnahmezustand, es gibt Gerüchte über angebliche Putschversuche. Die Regierung beauftragt Ramon Fonseca mit der Aufklärung an dem Verbrechen. Doch die Kommunisten können diesen Mann, der während der Franco-Diktatur in Spanien die Anhänger dieser Partei grausam verfolgte und foltern ließ, nicht akzeptieren. Sie fordern einen Ermittler, der für die Kommunisten akzeptabel ist. Ausgewählt wird daher Pepe Carvalho, der früher selber kommunistischer Widerstandskämpfer gegen die Diktatur Francos gewesen und deshalb inhaftiert gewesen war. So macht sich Carvalho an die Aufklärung des Mordes, die Montalban sehr spannend beschreibt. Natürlich gibt es dabei eine Überraschung, da nicht etwa Faschisten für die Ermordung des KP-Chefs verantwortlich sind...

Montalban, der auch weitere Romane über die spanische Zeitgeschichte geschrieben hat, wie "Spiel der Macht", der ein dokumentarischer Roman über einen baskischen Republikaner ist, der im Exil gegen die spanische Franco-Diktatur arbeitete, eine "Autobiographie Francos" vorlegte und auch die Lebensgeschichte der "Clara Zetkin" des spanischen Kommunismus, Pasionara, verfasste, beweist hier - neben analytischen Fähigkeiten, eine Kenntnis der Innenwelt und Mentalität der Kommunisten, die erstaunt. Ich selber hatte dieses Buch erstmals vor rund 15 Jahren gelesen und war erstaunt, dass ich selten eine - als Kriminalroman verpackte - bessere Ideologiegeschichte der kommunistischen Bewegung gelesen habe.
Doch auch als Krimi ist dieser - nicht ganz leicht zu lesende Roman - äußerst packend geschrieben. Jochen Schmidt äußerte in seiner 1989 erschienenen - meines Erachtens bis heute unübertroffenen - Analyse der Gattung des Kriminalromans: "Gangster, Opfer, Detektive" folgendes zu Vazquez Montalban:
"Auch wenn man den Autor Vázquez Montalban auf keinen Fall mit seinem Detektivhelden gleichsetzen sollte, so tut man ihm doch gewiß kein Unrecht, wenn man ihn als einen einstmals Linken bezeichnet, den der Verlust seiner Illusionen zum liberalen Skeptiker gemacht hat. Für einen Autor dieser Couleur...kam als Held einer Serie von Krminalromanen in der Nach-Franco-Zeit ein Polizeidetektiv wohl kaum in Frage; dazu hat sich die spanische Polizei durch das faschistische Franco-Regime in rund dreißig Jahren allzu bereitwillig korrumpieren lassen. José "Pepe" Carvalho ist denn auch, gleichgültig, ob die spanische Realität einen Helden dieser Sorte zulassen würde, konsequent und entschieden als Privatdetektiv nach amerikanischem Vorbild angelegt. Bewußt lebt dieser "Pepe" Carvalho in einer Gegenwart, die dadurch gekennzeichnet ist, daß die spanische Nation den demokratischen Ernstfall probt; er schlägt sich mit allen Problemen herum, die Spanien und den Spaniern durch diesen Demokratisierungsprozeß entstehen. Dabei scheinen sein Habitus und seine Manieren ganz darauf zugeschnitten, daß er ein Kontrastprogramm zur Law-and-order-Mentalität der Franco-Zeit abgibt, ein etwas unordentlicher Mensch, der den Individualismus auf die Spitze getrieben hat".

Eine passende Würdigung Carvalhos und seines Autors, der - wie ich finde - zu den größten spanischen (Kriminal-) Schriftstellern der Gegenwart zu rechnen ist. Vazquez Montalban hinterläßt eine große Lücke - dies wird durch den plötzlichen Tod des Autors schmerzlich bewußt. Anlass, das vorliegende Werk erneut zu lesen und unbedingt zu empfehlen - für Freunde des anspruchsvollen politischen und zeithistorischen Kriminalromans, der zu seiner Zeit (er erschien 1981) als Schlüsselroman angesehen wurde, da er leicht identifizierbare Personen des öffentlichen Lebens (wie den damaligen Kommunistenchef Santiago Carillo, den Garrido des Romans) portraitierte.
Fazit
Für mich bis heute eine der besten Darstellungen der kommunistischen Ideologie und Gefühlswelt überhaupt.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 19. Oktober 2003

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