Christian Schüle: Das Ende unserer Tage

Das Ende unserer Tage

Verlag: Klett-Cotta Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-608-93962-0

Preis: 4,24 Euro bei Amazon.de [Stand: 10. Dezember 2016]
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Von der Zerfaserung der Gesellschaft

Es ist nicht einfach, in diesen Roman von Christian Schüle hineinzukommen. Das ist zum einen dem assoziativen, teils ins Kleinteilige abschweifenden Sprachstil des Autors geschuldet (wo sich manches Mal nur in Satzfetzen unterhalten wird, wo Gedanken der Protagonisten auch ins unwesentliche abschweifen), zum anderen braucht es eine Weile, sich der bekannt wirkenden und doch verfremdeten Welt des Romans anzunähern.

Allein schon der Kampf der Taxifahrer gegen die Fahrradkuriere im Hamburg des Romans setzt Rätsel. "Rache" soll das Motiv sein, warum Kuriere gnadenlos "umgemäht" werden von Taxifahrern. Rache wofür, fragt man sich lange. Eine eher atmosphärisch düstere Welt ist es, die Schüle entwirft. Eine Welt, in der "alte Werte" von jetzt auf gleich den "neuen Regeln" der Manager (und der Chinesen) zu weichen haben. Und die unaufhaltsam, wie sich hier schon andeutet, in einen neuen "Klassenkampf" rutscht.

Kirchen werden aufgegeben und Eventagenturen ziehen ein, ein Bild für die "neue Religion" der westlichen Welt, die Schüle bitter aufs Korn nimmt. Der einzelne zählt nichts, wird "freigesetzt" bei passender Gelegenheit. Was beide Hauptpersonen des Romans betrifft.

Jan-Phillip Hertz, aufstrebender Finanzfachmann, noch zu Anfang des Buches in voller Überzeugung seiner Protektion, findet sich unversehens "auf der Strasse" wieder.
Chinesen haben die Bank mit übernommen und für ihn ist kein Platz mehr.
"Finito Scheißerchen, das wars".

Gut, das Herz die "neuen Regeln" völlig internalisiert hat. So kann er jedem und jeder Gruppierung seine strategischen Möglichkeiten andienen, ohne eine eigene, innere, klare Stellung zu beziehen.

Charly Spengler, Urgestalt der Haarbürstenindustrie, erfolgreicher Direktor einer Kamm Firma. Auch hier, die Firma geht in chinesische Hand und Spengler wird nicht mehr gebraucht.
Und das in einer ganzen Welt voller gestrandet wirkender Gestalten, die monolithisch vor sich hin dümpeln und irgendwas noch suchen.

"Trostlos", das scheint die richtige Bezeichnung für die Grundströmung dieses Buches zu sein. Seltsam matt wirken die Figuren bei ihrem Versuch, irgendwo und irgendwie auch innerlich wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Allein die Figur des Charly Spengler strömt in weiten Teilen der Geschichte noch Aktivität und Kraft aus. Er, der "mit eine paar Flaschen Korn" durchaus hier und da mit seinen Arbeitern frühstückte, wird im Lauf der Zeit zum "Arbeiterführer" gegen all diese Gier und die Egozentrik an den Schaltstellen der Macht.

Manager, die auf der Überholspur Vollgas geben, Taxi Fahrer, die Fahrradkuriere jagen, die Unsicherheit der Nächte in Hamburg, das teilweise wirkt wie die Bronx zu schlimmsten Zeiten, der junge Hertz, der ermattet versucht, seinen Fuß wieder in die Tür des Erfolges zu bekommen, die Angestellten seines Lieblingscafes, die zu durchaus philosophischen Tiefen neigen, eine Welt, die tatsächlich in zwei Teile zerbricht, in die, die noch mithalten und in die, die stranden. In diese (noch) fiktive Welt hinein verpackt Christian Schüle seine grundsätzliche Kritik am System und seine Warnung vor dem Verfall aller Werte.

Dies allerdings in Teilen so kleinteilig und detailverliebt, das zu Lasten des Tempos der rote Faden der Geschichte manches Mal droht, zu zerfasern.

Stärken findet der Roman immer da, wo Christian Schüle sich mitten hinein in die Welt der Manager begibt und die Folgen der brachialen Egozentrik spürbar aufzeigt. Das "da unten" sämtliche Dämme drohen zu brechen. Und das es eines Zusammenhaltes, einer Rücksichtnahme, einer "Klammer" zwischen allen Teilen der Gesellschaft braucht, damit nicht reine Anarchie zerstört, was sich lang entwickelt hat.
Fazit
Nicht leicht zu lesen in Sprache und Stil, in Teilen sehr kleinteilig und doch den Finger auf die Wunde der Zeit legend, die sich in der Hochfinanz und im Management, sprich im Kapitalismus wiederfindet, entfaltet Christian Schüle in düsteres Bild einer untergehenden Gesellschaft, die erst spät beginnt, sich zu wehren. Durchaus mit Kraft in der Darstellung, aber auch mit Schwächen was Tempo und Zerfaserung angeht.
7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 20. April 2012

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