R. M. Douglas: Ordnungsgemäße Überführung

Ordnungsgemäße Überführung

Verlag: Verlag C. H. Beck [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-406-62294-6

Preis: 29,95 Euro bei Amazon.de [Stand: 10. Dezember 2016]
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Fundierte und deutliche Darstellung der Vertreibung

Es ist durchaus von Vorteil, kann man nach der Lektüre feststellen, dass hier ein amerikanischer Historiker sich aufgemacht hat, eine Gesamtdarstellung der "Vertreibung der Deutschen aus dem Osten Europas" zu konzipieren. Zumindest hoch objektiv und nicht von persönlichen Blickwinkeln beeinflusst wirkt seine Darstellung, die sich zu weiten Teilen vor allem auf die Akten und Zeugenaussagen des internationalen Roten Kreuzes stützt. Deutsche Quellen nutzt Douglas nur da, wo sie mehrfach belegt sind. Mit dieser Quellenlage schafft er zunächst ein möglichst abgesichertes, reales Bild der Ereignisse in den letzten Wochen des zweiten Weltkrieges und in der unmittelbar darauf folgenden Zeit. Anders als die oft doch subjektiv geprägten Aufarbeitungen der "Vertreibung", wie sie in manchen deutschen Darstellungen vorliegt.

Zudem nimmt sich Douglas die Zeit und den Raum, immer wieder sehr genau und vor allem konkret hinzuschauen, sehr plastisch an Einzelfällen darzustellen, wie es "in Wahrheit war". Das, was die Alliierten als "ordnungsgemäße Überführung" miteinander vereinbart und geplant hatten setzt Douglas in direkten Kontrast mit der "Umsetzung vor Ort" und schildert ungeschminkt die Grausamkeiten und Härten, mittels derer so manche "Sieger" ihrer Verachtung und in Teilen auch ihrer Rache freien Lauf ließen. So entsteht auch ein Bild von dem, was passiert, wenn Menschen sich "entfesseln" und "freier Lauf" gewährt, fast erwünscht wird. Dies gilt im Übrigen nicht nur für das Geschehen um die Deutschen aus dem Osten Europas, dies gilt in vielfacher Form im Blick auf "Vertreibungen" ethnischer Gemeinschaften zu vielen Zeiten der Weltgeschichte. Vertreibungen, die Douglas im Übrigen ebenfalls in ihrer Grundstruktur kurz erwähnt und skizziert.

"Zwangsumsiedlungen", die durchaus auch in der Gegenwart zumindest an manchen Orten immer noch versucht werden. Die allerdings gerade im Blick auf das eigentliche Objekt seiner Betrachtung in ungewöhnlich und "entfesselter" Brutalität stattfanden. Eine Brutalität, die sicherlich, auch das legt Douglas offen, im Gesamtkontext des Krieges zu sehen ist, in dem gerade von deutscher Seite her ein solche Brutalität und Grausamkeit, eine solche Aufkündigung aller bis dahin geltenden Regeln im Krieg vorangetrieben wurde.

Dennoch nimmt es den Leser durchaus innerlich mit, wenn Douglas detailliert eine "staatlich geförderte" Gewalt darstelle, aufzeigt, warum die hehren Worte eine "humanen Umsiedlung" schon als sie ausgesprochen und vereinbart wurden längst von der Realität überholt waren. Eine Rigidität, die in Teilen maßlos ihren Weg nahm.
"Ostpreußen ist leer", formulierte Radio Lublin schon im Mai 45. "Geleert", könnte man sagen nach der Lektüre des Buches. Rasch, radikal und brutal, Hauptsache geleert und bereit für eine Neuansiedlung und Assimilation, das eigentliche ziel Stalins, wie Dougals herausstellt. Ein Plan im Übrigen, der von anderer Seite her durch die Nationalsozialisten ebenfalls schon längst durchgeplant worden war nach dem erhofften "Endsieg", was zigmillionen Polen und Russen betroffen hätte.

Ein gutes halbes Jahr währte diese strukturiert vorangetrieben "Vertreibung", die "hunderttausende von Opfer nach sich zog". Und das, wohlgemerkt, nach der Kapitulation zu offiziellen "Friedenszeiten" bereits. Wobei es Douglas nicht bei der Darstellung dieses "Kernzeitraumes" bewenden lässt. Auch die Integration der Millionen von Flüchtlingen in Deutschland nimmt er auf und stellt diese dar. Eine Integration inmitten einer "kalten" Bevölkerung, die durchaus mit massiver Abwehr auf "die Flüchtlingen reagierte". Auch dies liest sich intensiv im Buch, wie jene, die alles verloren hatten, auch viele nahestehende Menschen, die Grausamkeit gesehen und erlitten hatten, nun ebenfalls wieder einer Haltung des "unerwünscht Seins" gegenüber standen. Eine Integration, die dennoch gelang und deren Ermöglichung Douglas ebenfalls darstellt.
Fazit
R.M.Douglas bietet eine breite und in den genutzten Quellen möglichst objektive Darstellung eines der dunkelsten Kapitel, was "Zwangsumsiedlungen" angeht und stellt diese einerseits plastisch und konkret dar, wie es ihm andererseits gelingt, die großen Entwicklungslinien des Geschehens vorher wie nachher aufzuzeigen. Ein sehr gelungenes Stück dargestellter Geschichte.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 17. April 2012

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