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Wie viele andere Schriftsteller jüdischer Herkunft kreist auch der 1966 in
Leningrad geborene und 1971 mit seinen Eltern nach Israel ausgewanderte
österreichische Schriftsteller Vladimr Vertlib in seinen Büchern um die Themen
der jüdischen Identität und der Erfahrung von immerwährenden Zwischenstationen
eines Exils, das kein Ende nehmen will. "Zwischenstationen" war auch
der Titel eines seiner ersten Bücher, mit dem er 1999 einem größeren Publikum
auch außerhalb Österreichs bekannt wurde und in dem er seine verschiedenen
Aufenthaltsorte in verschiedenen Ländern der Welt beschreibt. Denn die Familie
Vertlibs verließ Israel schon bald wieder, und nach vielen Stationen und einem
erneuten fehlgeschlagenen Versuch, in Israel Fuß zu fassen, landete sie Anfang
der achtziger Jahre in Wien. In einem Land, in dem gerade die Waldheim-Affäre
hohe Wellen schlug und nicht nur bei der jüdischen Bevölkerung Österreichs hohe
Wellen schlug.
In seinem neuen, wieder stark autobiografisch geprägten Roman "Schimons Schweigen" kehrt der ich-erzählende Schriftsteller nach dreißig Jahren wieder nach Israel zurück, Er soll dort auf einer mehrtägigen Lesereise aus seinem neuen Buch lesen, das gerade im Entstehen ist und das den Titel "Schimons Schweigen" trägt. Sein Vater ist mittlerweile gestorben und die bevorstehende Israelreise bringt ihm eines seiner ungelösten Lebensrätsel in Erinnerung. Der Vater hatte nämlich einen Freund namens Schimon. Seite an Seite hatten sie in der Sowjetunion im Untergrund gekämpft. Bis irgendein ungeklärter Vorfall seinen Vater veranlasst, die Beziehung abzubrechen und bis zu seinem Tod kein Wort mit Schimon mehr zu wechseln. Der lebt mittlerweile in Israel und der Schriftsteller will dort unbedingt mit ihm reden, um "Schimons Schweigen" auf den Grund zu gehen. Doch es ist nicht nur dieses Rätsel, das ihn innerlich schon vor Beginn der Reise, und, in Israel angekommen, dort besonders heftig beschäftigt. Denn wie schon für seinen Vater ist Israel auch für das Alter Ego von Vladimir Vertlib ein Land, an dem und in dem sich eine Sehnsucht festmacht und abarbeitet, eine Sehnsucht, die mit seiner eigenen brüchigen Identität als Migrant und Jude zu tun hat. Doch Vertlib beschreibt nicht nur eine jüdische Spurensuche nach den Verwicklungen und Geheimnissen der eigenen Familiengeschichte, sondern mit seinem Buch führt er mitten hinein in die aktuellen Geschehnisse und Konflikte unserer Gegenwart. Und am Ende erschließt sich auch die dramatische Ursache für "Schimons Schweigen". Fazit
Sein jüdisch-österreichischer Kollege Doron Rabinovici hat zu Vertlibs Büchern
gesagt: "Vladimir Vertlib vereint das moderne Schreiben mit jüdischer
Erzähltradition und russischer Poesie" und hat damit sehr genau
beschrieben, was den Leser auch bei diesem neuen Buch erwartet. Eine Beobachtung
sei am Ende noch formuliert: es ist interessant zu beobachten, wie in einer
historischen Situation, in der die Existenz des Staates Israel nicht nur vom
Iran bedroht ist, sondern auch durch innere Widersprüche, die die israelische
Gesellschaft zu zerreißen drohen, jüdische Schriftsteller sich vermehrt mit ihm
auseinandersetzen. Ich erwähne nur Leon de Winters düstere Zukunftsvision
"Das Recht auf Rückkehr" (2009) und das neue Buch seiner Frau Jessica
Durlacher, das soeben unter dem Titel "Der Sohn" erschienen ist.
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