J. M. Coetzee: Der Meister von Petersburg

Der Meister von Petersburg

Verlag: Fischer Taschenbuchverlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-10-010809-8

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Ich muss es gestehen: ich bin ein Bewunderer von Dostojewskis Werken. Insbesondere seine "Dämonen" haben es mir angetan und mich nicht mehr losgelassen. Ausgerechnet nun in der Woche, in der Russland und seine Dichter Schwerpunktthema der Buchmesse in Frankfurt 2003 sind, wird J. M. Coetzee der Literaturnobelpreis verliehen. Anlass genug, einen Roman wieder zu lesen und in Erinnerung zu rufen, der in den zahlreichen Rezensionen über den Autor - meines Erachtens zu Unrecht - leider nicht erwähnt wurde. Coetzee zeichnet in dieser Fiktion um einen Schriftsteller namens Fjedor Michailowitsch ein wunderbares Portrait des zu jener Zeit in der Tat in Westeuropa weilenden Dostojewski. Allerdings ist dies keine Romanbiographie (Dostojewski kehrte von seiner Europareise erst 1871 und nicht schon 1869 nach Petersburg zurück), sondern es handelt sich um eine literarische Fiktion. Michail Fjedorowitsch will in Petersburg die näheren Umstände des Todes seines Sohnes Pawel untersuchen (meines Wissens hatte der echte Dostojewski keinen Sohn, der Pawel hieß). Der Schriftsteller nimmt daher in Petersburg in der Wohnung seiner Wirtin, bei der auch Pawel zur Miete gewohnt hatte, Ermittlungen über den mysteriösen Fall auf. Dabei nähert er sich der "Wirtin" (so heißt auch eine Erzählung Dostojewskis) immer mehr an. Trauer und Schuldgefühle überwältigen den zutiefst bedrückten Fjedor, bis er einen Weg findet, seine Trauer zu überwinden: er schreibt seinen Roman: "Die Dämonen"...Wer eine literarische Annäherung an Dostojewskis Werke sucht, ist mit dieser Publikation sehr gut bedient; sie ist zwar nicht ganz so gefühlsintensiv wie das Dostojewski-Portrait Stefan Zweigs in seinem Buch: "Drei Meister: Balzac, Dickens, Dostojewski", aber ebenso interessant. Coetzee verbindet gekonnt die Spannung des Kriminal- bzw. Detektivromans (es geht um die Aufklärung der Umstände des mysteriösen Todes Pawels) mit denen des psychologischen Romans. Mit meisterhaftem psychologischen Falkenblick schafft es Coetzee, das Seelenleben Dostojewskis, die Zustände vor seinen epileptischen Anfällen so eindrucksvoll und plastisch zu schildern, dass mir der Arbeitsalltag Dostojewskis ebenso klar wurde wie die Erfolgsfaktoren seiner Werke, die auf der genauen Menschenbeobachtung - lange vor Freud - und der Tatsache beruhte, dass Dostojewski selber eine komplizierte, gespaltene, ja wurzellose Persönlichkeit war - wurzelloser Raskolikow und Fürst Myskin in einem. Die Schilderung der epilepitischen Anfälle zeigen auch auf, warum Dostojewskis Werke auf außenstehende Beobachter immer den Eindruck machten, in einem wahn- oder fieberähnlichen Zustand geschrieben worden zu sein. Die Worte von Patrick McGrath auf dem Buchrücken der gebundenen Ausgabe ("Die Gestalt, die auf diesen Seiten zum Vorschein kommt, der Meister selbst, in seinem qualvollen Unglück, seiner schrecklichen Angst vor dem nächsten epileptischen Anfall, seiner ruhelosen Sexualität und seinem verzweifelten Spiel mit Gott, wird jeden gefangennehmen, der für die komplizierten Leidenschaften der slawischen Seele empfänglich ist.") ist zuzustimmen - nur dass die Einschränkung: "slawisch" fehl am Platze ist - für jeden psychologisch interessierten Leser ist das Werk Dostojewskis eine Fundgrube - dieses einfühlsam verdeutlicht zu haben, ist das Verdienst Coetzees.
Fazit
Meines Erachtens zeigt das vorliegende Werk, dass Coetzee zu recht den Literaturnobelpreis erhalten hat. Wer an Person und Werk Dostojewskis interessiert ist, sollte das vorliegende Buch unbedingt lesen.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 05. Oktober 2003

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