Sorj Chalandon: Die Legende unserer Väter

Die Legende unserer Väter

Verlag: dtv [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-423-24899-0

Preis: 14,90 Euro bei Amazon.de [Stand: 06. Dezember 2016]
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Auf der Spur des Vaters

"Als mein Vater beerdigt wurde, war er schon acht Jahre so gut wie tot".

Und, das vor allem, zwischen dem jungen Marcel und seinem Vater gab es kein wirkliches, enges Band. Ein schweigsamer Mann, das war Marcels Vater. Einer, der, wenn es ernst wurde, gerne Lärm macht, um der Situation zu entfliehen, das war Marcel als Kind. So blieb viel vom Leben des Vaters im Dunkeln. Obwohl viel zu erzählen gewesen wäre, Denn als Mitglied der Resistance stand ein erlebnisreiches Leben sicher im Raum.

"Ich habe als Sohn versagt". Nur dieses tief sitzende Gefühl verbleibt Marcel.
Vielleicht eine der Wurzeln für seinen aktuellen Beruf. Marcel verfasst Biographien auf Auftrag. Familienbücher, nicht für die große Auflage bestimmt, sondern für jene, die ihr Leben erzählen möchten um es den ihren zu hinterlassen. Und er erhält auf diesem Weg eine Chance, auch seinen Vater vielleicht näher kennenzulernen. Nicht unbedingt in Person, sondern in dem, was die Resistance ausmachte, mit den Menschen machte.
Durch Zufall trifft er auf einen, der auch, mit seiner Tochter, auf der Beerdigung seines Vaters anwesend war. Tescelin Beuzaboc. Widerstandskämpfer. Und Lupuline, seine Tochter, die ihren tiefen Reiz auf Marcel ausübt und diesen beauftragt, die Geschichte ihres Vaters aufzuschreiben. Geschichte und Geschichten, die sie als Kind von ihm erzählt bekommen hat und die sie bewahren will. Es beginnen Gespräche, die zunächst weniger Tescelin, wohl aber seinen Biographen Marcel an den Rand der inneren Kräfte bringen werden.

Es lässt ihm keine Ruhe, er hört dem Fremden zu und will doch etwas Echtes, Tiefes, um seinen Vater darin mit erkennen zu können. Eine echte und tiefe Saite, die einfach nicht anfangen will, zu schwingen. Marcel beginnt zu forschen, sammelt Indizien, überprüft, was Tescelin erzählt, stößt auf Ungereimtheiten und sitzt immer wieder, in der drückenden Hitze des Sommers dem vermeintlich alten Widerstandskämpfer gegenüber. Schon längst ist die biographische Arbeitsweise verlassen, schon längst wurde der Ton schärfer, schon längst gleichen diese Treffen eher einem Verhör. Und der Hoffnung auf Lupuline.

Auch wenn das Thema der Resistance hierzulande keine "Erinnerungsort" im eigentlichen Sinne ist, das Thema des Romans daher "typisch französisch" zu nennen wäre, in der ihm eigenen Bildkraft gelingt es Chalandon, das konkrete Thema durchaus zu überhöhen. Väter und Söhne, Väter und Töchter, diese nicht wirklich genau zu benennende Distanz ist es, um die sein Roman kreist. Und um die Suche nach sich selbst in diesem Verhältnis.

Wie sich, im Buch nutzt Chalandon die präzise und drängend geschilderte Hitze der Jahreszeit als Symbol, Marcel mehr und mehr "entkleidet", sich seines "Schutzpanzers" der Kleidung entledigt, das ist schon eine faszinierende Übertragung der inneren Entwicklung in die äußere Erlebniswelt des Buches. Wie kongenial Tescelin demgegenüber Verhaltensweisen ändert (der Zigarettenkonsum steigt), Chalandon die kleinsten Regungen der Augen und des Gesichtes nachvollzieht und so in beiden die Wahrheiten des Lebens beginnen, nach außen zu treten, auch das ist ganz hervorragend in einer Verschiebung der Ebenen im Buch dargestellt und zudem stilistisch in ebenso hervorragender Sprache in den Raum gesetzt.
Fazit
Ein Buch über Väter und Kinder, über die eigene, immer subjektiv erzählte, Lebensgeschichte und die eigentlichen Wahrheiten, das weit über das eigentliche (und national enge) Thema des Romans hinausgeht, eine Geschichte, die sprachlich, stilistisch und im Spielen mit inneren und äußeren Ebenen hervorragend von Sorj Chalandon gestaltet wurde und den Kern dessen trifft, was an Wahrheit im Menschen und zwischen Menschen notwendig für den inneren Frieden der Beteiligten ist.
Selbst das eher unprätentiöse Ende des Buches lässt hierbei nicht enttäuscht, sondern eben in der Wahrheit dessen, was passieren würde, wäre man "wahr", zurück.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 26. Januar 2012

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