Jörg-Uwe Albig: Berlin Palace

Berlin Palace

Verlag: Rowohlt Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-499-25738-4

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Wir befinden uns im China der nahen Zukunft, um das Jahr 2030 in einer Zeit nach der "Dritten Revolution". Die Polkappen sind bereits abgeschmolzen, Chinas KFC-Paläste der Gegenwart mussten neuen Hochhäusern mit Flüsigkeitskristall-Fassaden weichen. Das Überleben der besser Angepassten hat in China dazu geführt, dass statt pulverisiertem Nashorn inzwischen gemahlene Nashorn-Zähne als Potenzmittel angepriesen werden. Schon in unserem Jahrzehnt rottete vergiftetes Nashorn-Pulver aus dem südlichen Afrika die letzten Unbelehrbaren aus.

Ob der wirtschaftliche Niedergang Europas Deutsche und ihre europäischen Nachbarn als Gastarbeiter nach China führte oder Europa inzwischen unter Wasser steht, bleibt offen. Die Europäer bilden in China ein Lumpenproletariat schnorrender Autoscheibenputzer an den Straßenkreuzungen und radebrechen abgehacktes Chinesisch. Auch wenn Europa längst ein Begriff aus der Vergangenheit ist, kann der legendären Ruf der Deutschen als Kühlschrankkonstrukteure sich in China halten.

Werbefilmer Li Ai will mit der von ihm verehrten Olympia Liang einen Spot zum Parfüm "Wald" drehen, am liebsten eine Märchenszene vor Waldkulisse. In einer Welt, in der die Oberfläche zur Wirklichkeit geworden ist, scheinen von deutscher Kultur nicht mehr als ein paar verballhornte Schlager-Bruchstücke und Lis Erinnerung an ein Märchenbuch mit einem Hänsel-und-Gretel-Bild übrig zu sein. Fachwerk und Kuckucksuhren sind offenbar noch immer Kult im fernen Osten. Eine Werbekampagne auf die Kultur eines entwurzelten Volkes aufzubauen, das bei der Müllabfuhr arbeitet, zeugt im Land des Deklamierens und Kopierens von außergewöhnlichem Wagemut.

Jörg-Uwe Albigs utopischer Balance-Akt zwischen zwei Kulturen amüsiert Eingeweihte und lässt für China-Anfänger Brösel ungelöster Rätsel zurück. Dem harmlos wirkenden Amoktexten klassischer chinesischer Weisheiten ist noch zügig zu folgen. Der Witz klangvoller wie Glück bringender chinesischer Produkt- und Firmennamen oder der Sinn von Eigennamen voller feiner Anspielungen erschließt sich eher Insidern. 2030 treten die Nanos im Sport gegen die Fotovoltaicos an; statt der Acht Köstlichkeiten schmaust man Sieben Anständigkeiten. Weil eine nur wenigen Europäern vertraute chinesische Gesellschaft der Gegenwart weitergedacht und zum Spiegel der aktuellen deutschen Einwanderungsgesellschaft wird, zeigt sich Albigs Sprachwitz raffinierter und weniger offensichtlich als z. B. der Zusammenprall der Kulturen in Rosendorfers Briefen in die chinesische Vergangenheit.
Fazit
Ein intelligentes Jonglieren mit Sprache und mit interkulturellen Klischees, das beim Lesen einfach Spaß macht.
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne

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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 07. Januar 2012

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