Gregor Schöllgen: Der Auftritt: Deutschlands Rückkehr auf die Weltbühne

Der Auftritt: Deutschlands Rückkehr auf die Weltbühne

Verlag: Propyläen Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Politik
ISBN-13 978-3-549-07205-9

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Gregor Schöllgen hat mit diesem Buch eine sehr interessante Analyse der deutschen Außenpolitik seit der Wiedervereinigung vorgelegt. Er schreibt somit sein Werk "Die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland" fort. Detailliert zeigt Schöllgen, dass mit der Wiedervereinigung, die durch den Wegfall des Ost-West-Konfliktes erst möglich wurde, neue Erwartungen einer aktiveren weltpolitischen Rolle an das größere wiedervereinigte Deutschland geknüpft wurden - so etwa bei den Auslandseinsätzen der Bundeswehr. Deren veränderte Rolle und ihre wachsenden weltweiten Einsätze werden detailliert nachgezeichnet. Schöllgen analysiert auch die Bedeutung der USA für Deutschland und Europa im 20. Jahrhundert und die Veränderung der deutsch-amerikanischen Beziehungen insbesondere seit Sommer 2002. Doch schon mit der deutschen Einheit wandelte sich allmählich das Verhältnis zwischen Deutschland und seiner Schutzmacht, wie Schöllgen minutiös belegt. Der Autor zeigt detailliert bereits frühere "Zumutungen" im deutsch-amerikanischen Verhältnis seit 1949 auf, die Deutschland "zähneknirschend" ertragen musste.
Außerdem zeigt Schöllgen, dass Deutschland mit der Wiedervereinigung wieder als europäische Großmacht wahrgenommen wurde und spricht - in Anspielung an Hans-Peter Schwarz "Zentralmacht Europas" (1994) von der "neuen Macht in der Mitte Europas" (S. 73).
Schöllgen gehört zu der sogenannten neo-realistischen Schule in den internationalen Beziehungen, die die Interessen der Staaten und nicht der Gesellschaften in den Mittelpunkt ihrer Analyse stellt. Schöllgen zeigt, dass Europa gebaut wurde, um Deutschland einzubinden. Außerdem zeichnet Schöllgen ausführlich die Entwicklungen nach, die Deutschland zur Gegenmacht der USA in Europa werden ließ. Schöllgen konstatiert eine in der bisherigen deutschen Außenpolitik seit 1949 "nicht bekannte selbstbewußte Haltung" (S. 157) und spricht davon, dass die Bundesrepublik ihre Rolle auf der Weltbühne akzeptiert habe, die ihr in Folge der weltpolitischen Umbrüche seit Anfang der 1990-ger Jahre zugefallen sei. Die transatlantische Epoche, so die Folgerung Schöllgens, gehe zu Ende, was nicht überraschend gewesen sei. Die europäische Gemeinschaft müsse in der Lage sein, "gegebenenfalls aus eigener militärischer Kraft und in eigener politischer Verantwortung zu handeln" (S. 163), insbesondere in innereuropäischen Angelegenheiten. Handlungsfähig werde Europa allerdings nur dann, wenn der Aufbau seiner Sicherheits- und Verteidigungsunion mit einer klaren Definition seiner Interessen einhergehe. "Wegen seines politischen Gewichts, wegen seines weltweiten militärischen Engagements, wegen seiner historisch begründeten Reputation in der Dritten Welt und wegen der Erfahrung, welche die Bundesrepublik während des Ost-West-Konflikts mit Souveranitätsverzichten gesammelt hat, ist Deutschland wie kaum ein zweites Mitglied der Europäischen Union gefordert, daran federführend mitzuwirken. Seit der Vereinigung hat das Land die Statur für diese Rolle, seit der Irak-Krise auch das Selbstbewusstsein, sie mit Augenmaß auszufüllen. Sie anzunehmen, ist ein nationales Interesse."

Mir fällt auf, dass seit der Wiedervereinigung verstärkt von wichtigen Politikern und Publizisten im Inland von der "Zentralmacht Europas" oder der "neuen Macht in der Mitte Europas" gesprochen und daraus folgend die "Wahrnehmung deutscher Interessen" gefordert wird, die offenbar - so muss man es wohl lesen - in der alten Bundesrepublik nur unzureichend wahrgenommen worden sei. Genau dies wird aber nur angedeutet. Die Forderung, die deutschen Interessen deutlicher wahrzunehmen, ist nicht neu. Dies kann man etwa auch in dem neuen Buch von Egon Bahr: "Der deutsche Weg" nachlesen. Europa - und Deutschland in ihm - sollten selbstbewußt eigene Interessen formulieren und - gegenüber der zunehmend als Konkurrenz empfundenen USA- durchsetzen. Dieses fordert auch Schöllgen. Kein Wort fällt über die "Zivilmacht Deutschland" oder über den Einfluss der Gesellschaft auf die Außenpolitik, der "Gesellschaftswelt" wie sie Ernst-Otto Czempiel in seinem Buch: "Weltpolitik" formuliert hat.

Das Unbehagen über den Unilateralismus der Regierung von George W. Bush junior lässt diese Forderungen derzeit sehr populär werden. Es fällt auf, dass wieder vom "deutschen Weg" - in Anlehnung an eine Äußerung von Bundeskanzler Schröder vom 05. August 2002 - und nicht von Europa als Wertgemeinschaft gesprochen wird. Auffällig ist ebenso die Betonung der deutsch-französischen Partnerschaft, die gerade in der Irak-Krise als Interessengemeinschaft gegen die Politik der USA empfunden wurde. Stärker noch als bei Bahr kommt für mich der Eindruck auf, dass Schöllgen die Parole: "Wir sind wieder wer" - in Anlehnung an Hans-Peter Schwarz - hoffähig macht. Dies gilt auch für die Publikation Egon Bahrs, den Kissinger in seinen Memoiren als "Nationalisten" bezeichnet hat. Es scheint mir auch klar, dass aufgrund des negativen Eindrucks, den die Außenpolitik der Bush-Regierung mehrheitlich auf die europäische und die deutsche Bevölkerung m macht, derartige Publikationen immer populärer werden.

Wie auch das Buch von Egon Bahr verdeutlicht, scheint sich allmählich in unserer politischen Klasse ein Konsens herauszubilden, der eine derartige offensivere deutsche Interessenwahrnehmung innerhalb Europas und gegenüber den USA fordert. Dies macht das Werk von Schöllgen, der sehr viele Informationen zusammengetragen hat und lesbar schreibt, sehr deutlich. Man mag dies mit gemischten Gefühlen begleiten oder auch missbilligen.
Fazit
Außer Frage steht aber, dass dieses Buch - ähnlich wie das von Egon Bahr - ausgesprochen wichtig ist, um Entwicklungen, die in naher oder mittlerer Zukunft deutsche und europäische Politik werden (können), zu erkennen. Dazu trägt dieses Werk, welches sicherlich kontrovers diskutiert werden wird, ebenso wie Bahrs Essay bei. Abgesehen von seinen durchaus nicht unumstrittenen Thesen bietet Schöllgen einen wirklich exzellenten Überblick über die Außenpolitik des wiedervereinigten Deutschland und die Auslandseinsätze der Bundeswehr. Wer über die Außenpolitik unter Bundeskanzler Schröder noch intensiver informiert werden möchte, der sei auf das Werk: "Deutschland im Abseits? Rot-grüne Außenpolitik 1998-2003", herausgegeben von Hanns Maull, Sebastian Haarnisch und Constantin Grund hingewiesen.
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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 28. September 2003

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