Susanne Hornfeck: Torte mit Stäbchen

Torte mit Stäbchen

Verlag: dtv [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Jugendroman
ISBN-13 978-3-423-62500-5

Preis: 12,95 Euro bei Amazon.de [Stand: 08. Dezember 2016]
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Nur weil ein Kind schwer erkrankte, konnte die Familie Finkelstein mit den Schiffstickets der anderen Familie 1939 auf einem der letzten Schiffe nach Shanghai emigrieren. Vater Finkelstein ist Jude und hat während des Nationalsozialismus seine Konditorei und die berufliche Selbstständigkeit eingebüßt. Die Reise an Bord eines italienischen Schiffs erlebt die zehnjähige Inge wie ein Abenteuer, wenn auch für sie andere Passagiere deutlich als ehemalige Häftlinge und Verfolgte des Nationalsozialismus zu erkennen sind. Die Freundschaft mit Max aus Stuttgart hilft Inge, ihre Erlebnisse zu verarbeiten. Allmählich begreift sie, wie es ihrer chinesischen Freundin Ina aus China damals ergangen sein muss, als ihr Vater sie vor den japanischen Angriffen auf Shanghai nach Deutschland in Sicherheit bringen wollte. Mit ihrem Wissen über Inas Heimatstadt und ein paar Brocken Chinesisch fühlt sich Inge Finkelstein in Shanghai gleich vertraut. Für Inge sind das Gewusel von Menschen und Rikschas in Shanghais Straßen und die ungewohnten Gerüche zunächst überwältigend. Qualifizierte Arbeitskräfte sind gesucht, so dass Vater Finkelstein schon kurz nach der Ankunft Arbeit und Unterkunft in der Konditorei Fiedler findet. Finkelstein klingt in chinesischen Ohren wie ein Zungenbrecher. Von Frau Fiedler, die Chinesin ist, erhält Inge den chinesischen Namen Fang Ying Ge (herausragende, prinzipientreue Person), von Fiedlers Sohn Sanmao ihren Spitznamen für die Straße: Entenkopf. Sanmao wächst zwischen Torte, der deutschen Kultur seines Vaters, und Stäbchen, der Kultur seiner Mutter auf. Von den Chinesen bekommt er deutlich zu spüren, dass er nur ein Halbdrache ist, ein Mischling.

Während Frau Finkelstein isoliert in der winzigen Wohnung zunehmend unzufriedener und depressiver wird, lernt Inge von Sanmao den Wert von guanxi, Beziehungen, schätzen und von den Dienstmädchen anderer Haushalte, wie auf dem Markt verhandelt wird. Unter ständigem Druck durch Krieg und die japanische Besetzung Shanghais, in beengten Lebensverhältnisse und unter besorgter Kontrolle durch ihre Mutter wächst das Mädchen aus Brandenburg zu einer starken Persönlichkeit heran. Mit den Einkäufen hat Inge die Kontakte der Familie nach außen übernommen. Mutter Finkelstein klagt, dass Inge verwildert und ihr zunehmend entgleitet. An der internationalen jüdischen Schule fühlt sich Inge als protestantische Tochter eines nicht religiösen Juden wie zwischen allen Stühlen sitzend. Auf den Kriegsausbruch in Europa folgt die Internierung der englischen und amerikanischen Bürger Shanghais. Weil Vater Finkelstein mit der Ausreise aus Deutschland seine Staatsangehörigkeit verlor, muss die ganze Familie ins jüdische Ghetto Hangkou ziehen; seine Arbeitsstelle bei Fiedlers kann Inges Vater von hier aus nicht mehr erreichen. Als Geschäftspartnerin von Max, der nach dem Tod seines Vaters die Familie ernähren muss, beginnt Inge eine Karriere als Kurierin zwischen zwei Welten; denn als Nichtjüdin kann sie das Ghetto jederzeit verlassen. Bei Kriegsende fühlen sich die Finkelsteins in einer Sackgasse der Weltgeschichte. Shanghai bot Inges Eltern zwar Zuflucht, wurde ihnen in den Jahren des Exils aber keine Heimat. Inge dagegen verbrachte in Shanghai ihre prägenden Jugendjahre. Sie hat ihr Leben noch vor sich und will ihr Talent im Umgang mit Menschen beruflich nutzen. Inges Eltern können die Selbstständigkeit ihrer Tochter nur schwer anerkennen: Aus ihrer Sicht wurden ihnen sieben Lebensjahre gestohlen; nun verlieren sie auch noch ihre Tochter an eine fremde Kultur.

Mit seinen historischen Stadtplänen, einer Zeittafel und der Bibliografie zur Geschichte deutscher Emigranten in Shanghai zeigt sich "Torte mit Stäbchen" als optisch sehr ansprechendes Buch. Inges Hineinwachsen in die chinesische Sprache lässt sich zunächst anhand der Pinyin-Lautschrift verfolgen, während sie zuerst zuhört und spricht, und als sie allmählich Chinesisch lesen lernt anhand der chinesischen Schriftzeichen.
Fazit
Als Sinologin und Übersetzerin von Qiu Xialong aus dem Englischen ist Susanne Hornfeck mit der Stadt Shanghai vertraut. Den historischen Hintergrund zur Emigration deutscher Juden nach Shanghai und zum Netzwerk wohlhabender Familien (wie der Sassoons und Kadooris) zur Unterstützung der Flüchtlinge hat die Autorin sorgfältig recherchiert. Im Vergleich zu "Ina aus China" hat mich Hornfecks mit Inas Schicksal verknüpftes zweites Buch aufgrund seiner größeren Nähe zu den historischen Ereignissen stärker gefesselt. Das vorhandene umfangreiche Material zum Schicksal deutscher Emigranten in Shanghai ist der Authentizität von Hornfecks historischem Jugendroman zugutegekommen. Sehr einfühlsam vermittelt die Autorin am Beispiel ihrer fiktiven Familie aus Brandenburg die Entfremdung zwischen Eltern und Kindern, die auch Migranten der Gegenwart erleben, wenn die junge Generation in einem fremden Land schneller heimisch wird als die Eltern.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne
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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 02. Januar 2012

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