Johannes Fried, Olaf B. Rader: Die Welt des Mittelalters. Erinnerungsorte eines Jahrtausends

Die Welt des Mittelalters. Erinnerungsorte eines Jahrtausends

Verlag: Verlag C. H. Beck [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-406-62214-4

Preis: 38,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 09. Dezember 2016]
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Einführungen, Gesamtdarstellungen und Lesebücher zum Mittelalter gibt es genug - doch keines wie das vorliegende. Johannes Fried, einer der führenden deutschen Mediävisten, und Olaf Rader, Autor einer viel beachteten Biographie Kaiser Friedrichs II., sind die Herausgeber dieses Bandes sind, in dem ein innovativer Zugriff auf die Welt des Mittelalters erprobt wird.
Es ist ein gewisses Wagnis, wenn angesehene Mediävisten versuchen, dem Leser, der oft Laie ist, anhand von "Erinnerungsorten" die Welt des Mittelalters näher zu bringen. Schwierig ist bereits die Auswahl: was ist "mittelalterlich"? Sicherlich Burgen, bekannte Herrscher oder Ritter. Sie alle kommen in dem schön aufgemachten Buch vor. Aber auch die Brille, die Universitäten (die in ihrer Form erst im Mittelalter entstanden), Walther von der Vogelweide oder die Magna Charta sind enthalten.

Über die Auswahl der Erinnerungsorte ließe sich sicherlich streiten, doch die hier gewählten können alles in allem durchaus überzeugen und sind vor allem nicht losgelöst von einander. Als Leitfaden diente den Autoren die Frage nach der gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Funktion der Erinnerungsorte: Was bedeuteten sie im geschichtlichen Kontext und heute.

Den Anfang machen die Schauplätze (Jerusalem, Burgund, Aachen und dessen Bedeutung im Rahmen des Karlskults, Santiago de Compostela sowie jüdische Friedhöfe). Bereits dieses Kapitel zeigt, dass kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben wurde, sondern die Vielfalt betont wurde - und dieses Konzept ist durchaus erfrischend. Es folgen Kapitel zu den Bauten (wie Burgen und Kathedralen), Bedrohungen (wie die stetige Angst vor dem Weltende und den realen Gefahren durch Pest und Wikinger), Personen (so z. B. Friedrich Barbarossa und sein Enkel Friedrich II., Dante und Jeanne d'Arc), Pergamente (die berühmte Fälschung der "konstantinischen Schenkung", die Magna Charta, die Goldene Bulle von 1356 und die Buchmalerei), Ideen und schließlich Institutionen (wie das Papsttum und die Universitäten). Den Schluss bilden Anmerkungen und Literaturhinweise.

Alle Beiträge sind von Fachwissenschaftlern erstellt, die die jeweils relevante Forschungsliteratur einbezogen haben. Die Lesbarkeit der Beiträge ist jedoch, was keineswegs selbstverständlich ist, sehr gut, ohne den wissenschaftlichen Anspruch aufzugeben. Freilich sind manche Beiträge lesenswerter als andere, doch dies hängt auch von den persönlichen Interessen ab. Aufschlussreich sind sie alle, zumal die Autoren in der Regel über ihnen sehr vertraute Fachthemen schreiben. Eher ungewöhnliche Beiträge - wie die zum Weltende oder "Gut gegen Böse" - machen zudem den besonderen Reiz dieser Lektüre aus.
Fazit
Das vorliegende Buch darf als gelungener Versuch bezeichnet werden, die "Welt des Mittelalters" dem heutigen Leser näher zu bringen. Es handelt sich freilich weder um eine umfassende Geschichte des Mittelalters noch um eine Einführung im eigentlichen Sinne. Beides ist auch nicht Zweck der Darstellung. Vielmehr bietet das Buch einen neuen Zugang zum Mittelalter und stellt gleichzeitig eine Kulturgeschichte dieser Zeit dar, die facettenreicher war, als man es heute manchmal glaubt. Über die Auswahl mag man sich streiten, zudem ist es schade, dass manche Aspekte (wie Byzanz) keine weitere Beachtung fanden.

Dem Buch sind jedenfalls viele Leser zu wünschen, denen sich hier ein Panorama der mittelalterlichen Welt entfaltet - das alles auf einem hohen Niveau und in gut lesbarer Form.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne
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Vorgeschlagen von B. Kiemerer [Profil]
veröffentlicht am 04. November 2011

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