Justin Cartwright: Das Geld anderer Leute

Das Geld anderer Leute

Verlag: Bloomsbury [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-8270-1039-1

Preis: 0,84 Euro bei Amazon.de [Stand: 10. Dezember 2016]
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Gesellschaftsroman und Finanzmauscheleien

"Wenn die Kapitalentwicklung eines Landes das Nebenprodukt eines Spielkasinos wird, wird sie wahrscheinlich wenig günstig verlaufen". Sagt nicht irgendwer, sagt Maynard Keynes (und der musste es ja eigentlich wissen). Genau dies aber ist eingetreten (unzweifelhaft) und setzt das innere Thema des neuen Buches von Justin Cartwright.

Gemächlich erzählt Cartwright dabei seine Geschichte und dieses bedächtige Tempo rührt nicht zuletzt aus der jeweiligen Breite seiner Darstellungen. Eine Breite vor allem ind er Darstellung seiner Figuren, die dem Leser so, wenn auch nicht unbedingt emotional nahe rücken, so doch gut bekannt werden. Bis in das Muster des Sakkos hinein setzt Cartwright so unter anderem die distinguierten Kleidungsgewohnheiten des Patriarchen der englischen Privatbank, Sir Harry Trevelya-Tubal, in den Raum. Ein Geschmack an teurer und distinguierter Kleidung, die so ziemlich das Letzte ist, dessen Sir Harry sich erfreuen kann. Nach einem Schlaganfall und den damit einhergehenden Beschränkungen in Beweglichkeit und Sprache fristet Sir Harry seine Leben in einem der Häuser der Familie in Südfrankreich.

Besuch von den Söhnen, der eigenen Frau? Weitestgehend Fehlanzeige. Nur Estelle, seine Sekretärin, seit Urzeiten unsterblich in ihn verliebt, sorgt um ihn, übersetzt seine gutturalen Laute, schreibt (sinnlose) Briefe in Sir Harrys Auftrag an seine geliebte Bank.

Seine Bank, in der sein Sohn Justin das Ruder übernommen hat. In schwierigen Zeiten, denn was die Öffentlichkeit und, vor allem, die Investoren der Bank nicht ahnen, ist, dass die Bank auf einer ganzen Reihe fauler Hypothekenspekulationen sitzt. Toxische Papiere. Auch der Trick Julians, die familieneigene Stiftung hinter dem Rücken seines Vaters zu beleihen und 250 Millionen Euro den austrocknenden Geldläufen der Bank zukommen zu lassen (natürlich gut verborgen), wird das Problem nicht grundlegend lösen. Nur der Verkauf der Bank zu Zeiten wird auch die Familie und das Familienvermögen einigermaßen sicherstellen. So laviert Julian per Familienjet und auf dem Rücksitz von Edelkarossen durch die wichtigen Orte der europäischer Finanzwirtschaft, eher um zu verbergen, denn um zu retten. Selbst die von Sir Harry geliebte Segelyacht steht zum Verkauf. Und das alles muss verborgen werden vor dem kranken und alternden Familienpatriarchen, der nicht ablassen will von seiner alten Geschäftsethik des "seidenen Bandes zwischen Bank und Kunden"

Ein Bild im Übrigen, gut gewählt, um die aktuelle Situation der Finanzwirtschaft zu beschreiben, die alles dafür anscheinend tun muss, um den wahren Zustand und die wahren Vorgänge "hinter dem Rücken" all derer zu halten, die mit der "alten Welt" einer gesunden Volkswirtschaft noch sich verbunden fühlen. Einer "alten Welt", die gegenüber der digitalen Transaktionsgesellschaft nur mehr stammelnd und, vor allem, ungehört, sich versucht, einzubringen. So steht Sir Harry nicht nur für die alte Upper Class, sondern auch für jeden modernen "normalen" Bürger, hilflos und uninformiert am Rande der Trickserien herum.

Glücklicherweise (für Julian) deutet sich eine Lösung an. Eine amerikanische Bank will kaufen. Aber natürlich nur, wenn das Unternehmen als gesund dar steht und das geht nur, wenn die Bilanzen entsprechend aufgehübscht werden. Viele Probleme also, die nicht geringer werden, als Insiderinformationen aus der Bank an eine Zeitung durchsickern.

Wie und ob das gelöst wird, mit welchen Tricks die Hochfinanz ihre Zahlen schönt und sich ins rechte Licht rückt, das ist der eine Teil der Geschichte, die Justin Cartwright ruhig, bedächtig und mit Breite samt einem jeweils gründlichen Blick auf die beteiligten Personen und die ganzen Täuschungen der Branche erzählt. Eine Ruhe, die leider hier und da auf Kosten des Tempos geht. Spannung taucht kaum auf im Buch, auch Erstaunen über die kleinen und größeren Tricks des Geschäftslebens hält sich in Grenzen und zeigt nichts auf, was man nicht schon wüsste oder zumindest ahnt.
Fazit
So verbleibt ein durchaus flüssig und sprachlich reif erzählter Roman aus der verschwindenden, alten Upper Class Englands, über den Niedergang einer Familie, der auch innerlich voranschreitet und ein breiter, aber letztlich zu bedächtiger Blick in die vielfachen Tricks und Täuschungsmanöver der Finanzbranche mit dem ernüchternden Ergebnis, das heutzutage durch Geld wohl alle Probleme "aufgekauft" werden können.
Angenehm zu lesen, aber ohne wirklich mitreißend gestaltete Höhepunkte erzählt.
6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 22. Oktober 2011

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