Kristín Marja Baldursdóttir: Sterneneis

Sterneneis

Verlag: Krüger Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-8105-0266-7

Preis: 0,89 Euro bei Amazon.de [Stand: 05. Dezember 2016]
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Gunnur, eine Psychiaterin um die fünfzig, kämpft sich durch Szenen eines Alptraums, die sie zurück in ihre Jugend führen. Beim Erwachen muss sie feststellen, dass in der Nacht ihre Wohnung ausgeraubt wurde. Schlimmer noch als der Verlust aller Wertgegenstände ist für Gunnur die Vorstellung, dass die Einbrecher sie im Schlaf beobachtet haben müssen. Sie malt sich die Vorgänge in allen Details aus, fühlt sich beschmutzt und ihrer Wohnung beraubt. In dieser unangenehmen Situation lässt sich Gunnur von ihrer Innenarchitektin überrumpeln, die für einige Tage eine Betreuung für ihre 14-jährige Tochter benötigt. Der von Hugruns Mutter geplante Video-Marathon zur Beschäftigung ihrer Tochter muss ausfallen, weil aus Gunnurs Wohnung alle technischen Geräte geraubt sind. Hugrun, die Besucherin, (fortan von Gunnur "das Reh" genannt) zeigt unerwartetes Verständnis für das Leid der älteren Frau. Anknüpfungspunkt für Hugrun ist der Gedanke, dass allein der Verlust des Mobiltelefons durch Diebstahl für ein Mädchen ihres Alters eine absolute Katastrophe wäre. Gunnur beschließt, mit Hugrun ins Sommerhaus der Familie zu fahren. Genervt von der geistigen Trägheit, die sie dem fremden Teenager unterstellt, gerät Gunnur in eine persönliche Krise. Ihr gesamtes berufliches Können hat sie nicht auf die Situation mit der wortkargen Hugrun vorbereitet. Gunnurs Gedanken über die unerwartete Begleiterin wirken wie ein zugeschalteter Monolog. Als Psychiaterin ist Gunnur gewohnt, dass ihre Patienten von sich aus erzählen. Doch Hugrun überrascht ihre Gastgeberin mit ihrem aufrichtigen, unerschöpflichen Interesse an deren Kindheit. "Das Reh" muss nur Stichworte geben, damit Gunnur von früher erzählt. Indem sie Hugrun ihre Erinnerungen anvertraut, vergisst die ältere Frau völlig ihren Kummer um den Einbruch. Während dieser Gedankenreisen erzählt Gunnur von sich wie von einer fremden Person, u. a. aus einer Zeit, als die "nicht befreiten" Frauen ihren Männern die Hemden bügelten. In Gunnurs Erinnerungen durchschreiten beide Frauen wie Hand in Hand die Häuser von Gunnurs Kindheit. Gunnur wuchs in einem Frauenhaushalt mit Oma, Mutter und zwei Schwestern auf. Schon mit 9 Jahren musste sie für ihren Lebensunterhalt arbeiten und wurde jedes Jahr in den Ferien zur Arbeit aufs Land geschickt. Wehmut über die empfundene Gefühlskälte und mangelnde Anerkennung durch Gunnurs Mutter kommt auf. Deutlich wird auf diesen Reisen in Gunnurs Kindheit, dass Hugrun außer ihrer Heimatstadt Island kaum kennt und sich das Leben auf dem Land bisher nur idyllisch und in den schönsten Farben ausgemalt hatte.

Bei einer Mutter erwachsener Kinder, die beruflich ständig mit anderen Menschen zu tun hat, wirken Gunnurs starre Ansichten über Jugendliche reichlich sonderbar. Als Expertin für zwischenmenschliches Verhalten muss die ältere Frau sich das Mädchen selbst erklären, das ihr unvermittelt auf die Türschwelle gestellt wurde. Beim Erzählen erkennt Gunnur, wie stark sie selbst Mann und Kinder vermisst. Von der Betreuerin für ein Wochenende wandelt sich Gunnur im Laufe der Beziehung zu Hugruns Mentorin. Dabei will die ältere Frau zuviel auf einmal erreichen: Anregen, Bilden, Verändern, isländische Traditionen weitergeben und bewahren. Zusätzlich soll Hugrun den Aufenthalt bei ihr in bestem Licht in Erinnerung behalten.
Fazit
Kristin M. Baldursdóttir spürt in dieser Geschichte der Kindheit einer älteren Psychiaterin nach, die die Ablehnung bisher fest verschlossen hielt, die sie selbst als Kind erfahren hat. Die Gesprächspartnerinnen aus zwei Generationen nähern sich im Erinnerungsprozess einander an, so dass sie am Ende wie Gleichaltrige wirken. Mit leicht makabrem Unterton, der an ihr Möwengelächter erinnert, weckt die Autorin die Neugier ihrer Leser, ob die ungewöhnliche Beziehung die hohen Erwartungen Gunnurs an ihre Gesprächspartnerin wohl übersteht.
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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 06. Oktober 2011

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