Florian Opitz: Speed

Speed

Verlag: Riemann [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Dokumentation
ISBN-13 978-3-570-50128-3

Preis: 4,49 Euro bei Amazon.de [Stand: 10. Dezember 2016]
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Wo verliert sich die Zeit?

Vor einiger Zeit hat Alex Rühle sein "Ohne Netz" vorgelegt, einen sechsmonatigen Selbstversuch ohne Handy und Internet. Interessanterweise besucht Florian Opitz in seinem Buch unter anderem auch jenen Alex Rühle im Zuge seiner eigenen Recherchen aus seinen eigenen Lebensbeobachtungen heraus.
Und dieser "Besuch im Buch" macht Sinn, denn auch daran zeigt sich, dass das Phänomen, im eigenen Empfinden einfach immer zuwenig Zeit zu besitzen eine enge Verbindung aufweist zur ständigen und fortschreitenden Digitalisierung der Welt. Und diese wiederum nicht nur Ursache von "Beschleunigung" (Speed) ist, sondern vor allem auch Folge eines strukturellen Problems: "Beschleunigung" gilt als Kernkompetenz für das wirtschaftliche und individuelle Leben. Oder, wie es eine der befragten Personen im Buch zu Gehör bringt: "Nicht der Starke schluckt den Schwachen, sondern der Schnelle den Langsamen".

Florian Opitz macht sich auf. In seinem Leben, in dem der empfundene Mangel an Zeit ein immer größer werdendes Problem darstellt (vor allem, seitdem Opitz Vater geworden ist) und sucht nach Spuren des "Zeitverlustes". Wo bleibt sie denn genau, die Zeit? Und was kann er persönlich dagegen unternehmen?

Seine erste Station, ein Seminar mit Lothar J. Seiwert erweist sich, mit Verlaub, als fauler Zauber. Noch nicht einmal die Botschaft der von Seiwert im Vortrag eingestreuten mäßigen Zaubertricks erschließt sich Opitz. Der im Übrigen aus kundigem Mund später im Buch vom Zeitenforscher Karlheinz Geißler darin bestätigt wird. Zeitmanagement sei eher nicht der Königsweg zu einem subjektiven "Mehr" an Zeit. Aber auch ein auf Burnout spezialisierte Psychologe kann Opitz nicht wirklich weiterbringen. Gut also, dass er sich dann der "anderen" Seite zuwendet, den "Zeitbeschleunigern" in Form der Unternehmensberatungen und Effizienzsteigerer. Trotz so mancher Worthülsen spricht dieses Kapitel eine intensive Sprache. Schon in der einjährigen Wartezeit auf einen 30 Minuten Termin bei der durchstrukturierten Unternehmensberaterin und dann natürlich auch die Gesprächsinhalte selbst zeigen auf, dass letztlich zwei Pole und Haltungen nicht vereinbar gegeneinander stehen. Auf der einen Seite die wirtschaftlich geprägte Entwicklung nach immer mehr Effizienz und Steigerung der Nutzung der Zeit (Zeit ist Geld) und auf der anderen Seite das Bedürfnis, ja die Notwendigkeit zu biologischer (analoger) zur Ruhe, Muße und zum subjektiv erfüllten Erleben der Zeit.

Das übrigens ist eigentlich die Kernbeobachtung, der Opitz in seinem Buch der vielen Stationen nachgeht. Immer mehr zu tun, fast ständig "on" zu sein und subjektiv immer weniger zu wissen, wo denn die Zeit eigentlich geblieben ist. Kapitelweise sucht Opitz antworten beim Zeitmanager, beim Therapeuten, beim Zeitforscher, beim digitalen Fasten, im Rahmen der Unternehmensberatung und an vielen Orten mehr. Ohne wirklich abschließend fündig zu werden. Viele Einzelteile fügt er so zusammen und lässt dieses Puzzle begleiten jeweils zum Abschluss jedes Besuches und Interviews von Hartmut Rosa, Professor der Soziologie, der den Umgang mit der Zeit und die "Zeittaktung" intensiv zum Gegenstand seiner Forschung gemacht hat.

Ein spannendes Unterfangen im Rahmen eines Problems, dass nicht nur subjektiv, sondern tatsächlich strukturell gesellschaftlich vorliegt, wie sich nach der Lektüre klarstellt. Eine "Suche nach der verlorenen Zeit", die keine "Universalformel" an den Tag bringen wird, aber ein Einladung zur intensiven, persönlichen Reflektion darstellt. Dazu, "ein Bewusstsein für unsere Lebensumstände zu entwickeln" und das bedeutet im ersten Schritt, erst einmal genau hin zu schauen. Ein Schauen, zu dem dieses Buch in guter Form anregt und anleitet, vielfache Informationen erbringt und miteinander verbindet, die das Problem ständig erhöhten "Zeitdrucks" auf die Füße stellt. Wie Rosa im Buch sagt: "Wir bewegen uns in einer Welt, die sich in allen Dimensionen ständig ändert und schneller ändert". Eine Analyse, die klarstellt, dass es breiterer Lösungsansätze bedarf, will man das kollektive Ausbrennen einer Gesellschaft verhindern.
Fazit
In flüssiger und leicht lesbarer Form nimmt Florian Opitz den Leser mit auf eine Reise zu Fachleuten aller Seiten zum Thema "Zeit". Zu Gegnern, Befürwortern und jenen, die versuchen, einen Ausgleich zu finden zwischen Beschleunigung und menschlicher Sehnsucht nach Muße und Verarbeitung all dessen, was geschieht.
Ein wichtiges Thema, anregend dargestellt, ohne erhobenen Zeigefinger und ohne sich eine universale Lösung anzumaßen.
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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 01. Oktober 2011

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