Yrsa Sigurdardóttir: Geisterfjord

Geisterfjord

Verlag: Fischer Taschenbuchverlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Krimi
ISBN-13 978-3-596-19273-1

Preis: 9,99 Euro bei Amazon.de [Stand: 10. Dezember 2016]
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Die Westfjorde sind eine dünn besiedelte zerklüftete Halbinsel im Norden Islands, die an die Grönlandsee grenzt. Die drei Personen, die der Bootsführer an einem Winternachmittag in dieser abgelegenen Gegend zu einem verlassenen Dorf bei Hesteyri übersetzte, wussten offenbar nicht, auf was sie sich einließen. Mit ihren Vorräten und dem mitgebrachten Brennholz würden sie eine Woche lang auf sich gestellt sein, bis sie wieder abgeholt werden. Der pensionierte Kapitän am Steuer des kleinen Bootes hält sich nicht für abergläubisch, doch dass die Fremden gerade dieses Haus gekauft haben, macht ihm Sorgen. Für den Notfall und zu seiner eigenen Beruhigung überlässt er seinen Passagieren die Schlüssel zu einem Nachbarhaus, das im Winter nicht benutzt wird. Die Gegend von Hesteyri war mit dem Ende des Walfangs von den meisten Bewohnern verlassen worden. Lífs verstorbener Mann Einar kam der Gedanke, hier ein Gästehaus zu eröffnen, als er auf einer Wanderung eine Unterkunft suchte. Katrin, Garðer und Líf wollen das isländische Holzhaus nun renovieren, das von einem Vorbesitzer halbfertig wieder aufgegeben worden war. Katrin und Garðer haben ihr Vermögen durch Islands Wirtschaftskrise eingebüsst; Garðer ist seit damals arbeitslos. Das Projekt Gästehaus wirkt wie eine Flucht der beiden aus der Realität.

Weit im Norden in Ísafjörður sorgt sich der Arzt Freyr um eine ältere Patientin. Freyr lebt geschieden von seiner Frau, seit das spurlose Verschwinden des gemeinsamen Sohnes die Beziehung des Paares in eine tiefe Krise stürzte. Da Freyr zugleich als Allgemeinmediziner und als Psychiater arbeitet, erbittet die Kriminalkommissarin Dágny seinen Rat in einem Fall von Vandalismus und wegen des Selbstmordes der alten Halla. Der Gedankenaustausch der beiden konfrontiert Freyr erneut mit dem Schicksal seines Sohnes Benjamin; denn auch in Ísafjörður verschwand vor Jahren ein Kind. Dágny sucht nun nach einem Zusammenhang zwischen dem verschwundenen Kind, Hallas Selbstmord und weiteren mysteriösen Todesfällen, deren Spuren in die gemeinsame Schulzeit der Verstorbenen zurück führen.

In Hesteyri wird das ohnehin gespannte Verhältnis der drei Hausrenovierer durch unheimliche Ereignisse auf die Probe gestellt. Sie glauben, eine ärmlich gekleidete Kindergestalt zu sehen, hören Stimmen und finden im Haus feuchte Fußspuren. In einer Gegend, in der man glaubt, dass Ertrunkene zwischen den Welten herumspuken müssen, weil sie kein Grab haben, müssen die Geräusche eines wispernden und knackenden Holzhauses besonders unheimlich wirken. Dieser Spuk könnte natürlich Einbildung sein. Doch würde sich der kleine Hund in diesem Fall so auffällig verhalten?

Yrsa Sigurðardóttirs sechster Kriminalroman gönnt der Anwältin Dóra aus Reykjavik eine Atempause als Ermittlerin und verzichtet auf das klassische Krimi-Muster von Tat mit anschließender Tätersuche. Kommissarin Dágny ermittelt in keinem spektakulären Fall, sondern sucht einzelne Ereignisse miteinander zu verknüpfen. Der Mediziner Freyr assisitiert ihr dabei weniger als Ermittler, sondern als Zuhörer, der durch sein eigenes Schicksal für das Thema vermisste Personen sensibilisiert ist. Die Leser sind Freyr und Dágny stets einige Schritte voraus, weil nur sie die Ereignisse in dem verlassenen Dorf am Fjord verfolgen können.

Erst als die Masken fallen und bisher sorgfältig verborgene Konflikte eskalieren, werden die unheimlichen Vorgänge aufgeklärt. Zur Lösung des geheimnisvollen Falls müssen Dágny und Freyr tief in alte Geschichten eintauchen und den Umgang der Beteiligten mit persönlichen Verletzungen nachfühlen.
Fazit
Die düstere Szenerie eines verlassenen Ortes kurz vor Wintereinbruch belebt die Autorin geschickt mit der konfliktreichen Beziehung seiner drei Besucher und unerklärlichen Ereignissen, die sie dort beobachten. Sigurðardóttir entwickelt in ihrem Island-Thriller, den ich eher als Krimi erlebe, die Spannung hauptsächlich aus der Innenwelt ihrer Figuren und lässt ihre Leser lange darüber rätseln, ob es für den Spuk in Hesteyri nicht doch eine banale Erklärung geben könnte. Wer weniger Wert auf spektakuläre Taten und ausgeklügelte Ermittlungsmethoden legt, wird gern in die Atmosphäre am Geisterfjord eintauchen.
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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 28. September 2011

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