Klaus Servene: Fell und Seife

Fell und Seife

Verlag: Andiamo [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-936625-17-2

Preis: 13,90 Euro bei Amazon.de [Stand: 08. Dezember 2016]
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Hoffnung und Scheitern

Einen "Doppelroman" nennt Klaus Servene diese Kompilation aus zwei Romanen, die zu unterschiedlichen Zeiten entstanden sind ("Seife" erschienen im Jahr 2000, "Fell" erschienen 2007). Und dies ist ein guter Titel.

Denn obwohl beide Romane einander nicht bedingen, nicht aufeinander aufbauen und auch das "Personal" in beiden Romanen verschiedenen ist, kreisen beide doch um das gleiche Thema (die Empörung, die Ohnmacht, der Angang gegen Demütigung, soziales Verbrechen und innere Verletzungen). Zudem sind beide Romane in der Struktur einander sehr ähnlich aufgebaut (die Gegenwart der jeweiligen Hauptfiguren und ausführliche Erläuterungen, Geschichten und Herleitungen aus den "Stammbäumen" der Protagonisten, anhand derer Servene die fast Unabdingbarkeit der Vorkommnisse der Gegenwart intensiv herzuleiten versteht). Der Sprachstil, in Teilen assoziativ, und dann wieder detailliert, bis ins Kleinste schildernd, verbindet beide Romane ebenfalls im Erzählstil, der Klaus Servene zu eigen ist.

In "Fell" wird Patrick Du Trou ermordet und es dauert fast bis zur letzten Seite, bis wirklich klar wird, inwiefern die gesamten Familienvernetzungen, die Verstrickungen eines Onkels in die Schreckensherrschaft Nazi-Deutschlands und die ohnmächtige Empörung eines Mannes gegen all dieses diesen Tod hervorgebracht haben. Eine Geflecht von Verwobenheiten, welches Bernd Kuszinski, zu Beginn des Romans noch zweiter Mann einer Catering- und Lebensmittelfirma, langsam aufdröseln wird, Schritt für Schritt, einige Generationen zurück gar. Einer, der "der Welt virtuell" bis dato "entglitten" war, der mit all dem Gemache dieser Welt nichts mehr zu tun hatte, sondern still für sich seine Tage ablebt. Aber auch einer, der tiefe Jugenderinnerungen an Du Trou in sich trägt, mit diesem die finnischen Frauen entdeckte und nun nicht in Ruhe gelassen wird von diesem Mord am alten Freund. Einem Freund, der als genetischen Defekt ein Stück "Fell" am Körper trägt. Wie seine Mutter es ebenfalls trug. Eine wunde Stelle, ein Absonderungsmerkmal. Zeichen des nicht wirklich Dazugehörens. Ein Genuss ist es, diesen ersten gut 90 Seiten des ersten Romans zu folgen, so dicht vermag Servene zu erzählen und bei allem Kopfschütteln und sich Fragen des Lesers, wie denn nun all diese unverbunden wirkenden Erzählstränge zusammengehören mögen, diesen doch immer wieder bei der Stange haltend.

Ein Leseerlebnis, das sich im zweiten Roman verdichtet und fortsetzt. Dieser, nun in der Ich-Form konzipiert, erzählt von Johannes Deprez und seinem schon frühen Verhältnis zur "Seife", mit all den Versuchen, sich "rein zu waschen". Rein zu waschen von abstrakten Dingen, die seine Mutter ihm innerlich auferlegte, reinzuwaschen aber auch von seiner Tat, die sein Leben von diesem Augenblick an bestimmte, als er das Büro seines besten, reichen Freundes Salman da Gama betreten hatte. Ein bester Freund, der einige Zeit in der Fremde mit Johannes Frau verbracht hat. Einfach so. Eine Tat, die daraus folgt, die fast zur Auflösung des Protagonisten in Seifenlauge führt und, als dies nicht wirklich nutzt, zur Schrumpfung und Eingrabung aus eigener Kraft.
Welch interessanter Kunstgriff, auch hier angesichts schreienden Unrechts in der Welt, angesichts sozialen Zerfalls, aber auch reinen Egoismus ein "Herausschrumpfen" aus dieser Welt (und das mit gutem, persönlichen Grund gar), ebenfalls durch historische Verzahnung als fast Schicksalhaft dargestellt, zum roten Faden zumindest des zweiten Teils von "Seife" zu gestalten". Nicht Nazis spielen hier die herausragende Rolle (auch, wenn diese vorkommen), weiter zurück zur Geschichte des Schinderhannes greift Servene in "Seife" zur Erläuterungen des grundsätzlichen Problems dieser Welt in der Gegenwart. Auch hier dauert es, bis alle Fäden in ihrer Verbindung deutlich werden. Eine Geduld, die sich lohnt.
"Ich muss!". "Da ist der Spülstein. Vergiss die Seife nicht". Doch eben nicht alles kann durch den Spülstein entsorgt werden und nicht alles durch Seife reingewaschen werden.
Fazit
Mit feiner und umfassend differenzierter Sprache, im Stil durchaus angemessen wechselnd und ebenso differenziert gezeichneten Protagonisten erzählt Servene seine beiden Geschichten verletzter Menschen mit ihrer ganz eigenen Art, darauf zu reagieren und sich zur Wehr zu setzten (nicht immer mit Erfolg, das Böse hat die Kraft zum Gewinnen in Servenes Romanen). Rückzug von der Welt, Kampf gegen sich selbst, Ohmacht vor jahrhundertealten Schicksalslinien und doch immer auch ein Funken Hoffnung auf Besserung, auf ein Mehr sind die inneren Themen beider Romane, die für ein intensives Leseerlebnis sorgen.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 16. September 2011

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