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Als im Jahr 1995, 50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs unter dem Titel
"Ich will Zeugnis ablegen bis zuletzt", die Tagebücher Victor
Klemperers erschienen, das war die Rezeption gewaltig. Der jüdische Romanist
Victor Klemperer, Gelehrter von Weltruf, blieb, weil seine Auswanderungspläne
scheiterten, in Nazi-Deutschland. Sein Überleben verdankte er der nichtjüdischen
Ehefrau. "Für die Zeit danach" hielt er seinen Alltag fest, schrieb
auf, was er sah und hörte: Gerüchte, Witze, Frontnachrichten. Immer erbärmlicher
wurden die Bedingungen, unter denen er seiner Chronistenpflicht nachkam: Er litt
an der zunehmenden Vereinsamung, an Hunger, an dem entwürdigenden Dasein im
Judenhaus, aus dem ein Mitbewohner nach dem anderen verschwand.
Nun legt der Wallstein Verlag die Tagebücher des Laubacher Justizinspektors Friedrich Kellner (1885-1970) vor, eines "ganz normalen Deutschen", der als Geschäftstellenleiter des Amtsgerichts der oberhessischen Kleinstadt arbeitete, Mitglied der SPD und des Karnevalsvereins war.Zwischen 1939 und 1945 führte dieser Mann Tagebuch. Auch sein Ziel war es, Zeugnis abzulegen über das, was in Deutschland vor sich ging. Reflexionen über scheinbar kleine Veränderungen im Alltag wechseln sich immer wieder ab mit kommentierten Zeitungsausschnitten. Das Tagebuch, das Kellner nie für eine Veröffentlichung vorgesehen hatte, auch nach dem Krieg nicht, wanderte in den 60 er Jahren als Geschenk zu einem Enkel Kellners in die USA. Dort war es später Teil einer Ausstellung, über die der Spiegel kurz berichtete. Sascha Feuchert und andere Wissenschaftler aus Gießen lasen diesen Bericht und begannen nachzuforschen. Sie entdeckten den bislang fehlenden zehnten Band der Tagebücher und haben nun eine vollständige Ausgabe des Konvoluts ediert. Fazit
Das große Weltgeschehen trifft hier mehr noch als bei Klemperer auf die
Alltagsgeschichte in Laubach während des Dritten Reiches. Und natürlich geht es
immer wieder auch darum, was die Deutschen von all den furchtbaren Vorgängen
gewusst haben und ab wann. Kellners Werk ist ein wichtiges zeithistorisches
Dokument und kann in seiner Bedeutung durchaus mit Klemperers "Ich will
Zeugnis ablegen bis zuletzt" verglichen werden.
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