Götz Aly: Warum die Deutschen? Warum die Juden?

Warum die Deutschen? Warum die Juden?

Verlag: S. Fischer [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-10-000426-0

Preis: 22,95 Euro bei Amazon.de [Stand: 24. November 2014]
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Götz Aly ist ein Wissenschaftler und Publizist, der mit seinen Forschungen und seinen Veröffentlichung in der Vergangenheit immer wieder Aufsehen erregt hat und sich bei aller Kritik im Detail in der kulturellen und politischen Öffentlichkeit unseres Landes einen Namen gemacht hat. Besonders mit seinen teils "unkorrekten" Fragen an die nationalsozialistische Vergangenheit und den unbequemen Antworten, die er darauf gibt, hat er für Debatten gesorgt, zuletzt mit seinem Buch "Hitlers Volksstaat".

Aber auch mit seinem 2008 erschienenen persönlichen Rückblick auf die Studentenbewegung "Unser Kampf- ein irritierter Rückblick" stellte er einen Zusammenhang zwischen 1968 und 1933 her und resümierte damals fast versöhnlich: "Viel spricht dafür, dass dieses Ausweichen vor der deutschen Vergangenheit und die Regression in abwehrende Ideologien und Geschichtsmodelle sich nur schwer hätten vermeiden lassen. Nicht nur die (Neue) Linke ging diesen Irrweg. Die Mehrheit der Deutschen versuchte auf die eine oder andere Art, Hitler und seine Herrschaft als etwas Fremdes abzuspalten und zu verdrängen. Weil aber so viele und so besonders viele junge Deutsche den Nationalsozialismus gutgeheißen und damit die Politik des Verbrechens zumindest objektiv gefördert hatten, war es 1968 noch nicht möglich, die direkte Konfrontation zu suchen."

In seinem neuen Buch geht es um die Vorgeschichte des Holocaust, die Entstehung des Antisemitismus zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Dabei Götz Aly kommt er zu verstörenden Einsichten. Er beschreibt Fortschrittsscheu, Bildungsmangel und Freiheitsangst vieler christlicher Deutscher während des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dagegen begeisterten sich die deutschen Juden für das Stadtleben, für höhere Bildung; sie wussten die Chancen der Moderne zu nutzen. Die trägen Nicht-Juden sahen ihnen mit Neid und Missgunst hinterher. Aus Schwäche erwuchsen zuerst Sehnsucht nach kollektiver Stärke, dann Rassendünkel und am Ende mörderischer Antisemitismus.

Schon 1987 hatte der Adorno-Schüler und langjähriger Mitarbeiter Oskar Negts, der Sozialwissenschaftler und Philosoph Detlef Claussen in seinem ebenfalls bei S. Fischer erschienenen Buch "Grenzen der Aufklärung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus", das 2005 noch einmal, leider ohne große Resonanz, in überarbeiteter Form aufgelegt wurde, den modernen Antisemitismus aus den gesellschaftlichen Bedingungen erklärt, die Emanzipation versprachen, aber mit der Judenemanzipation auch den Antisemitismus hervorbrachten. Claussen spürte damals auch dem Fortleben des Antisemitismus nach Auschwitz und dem veränderten Blick auf die Vergangenheit nach, der durch massenmediale Ausbeutung des Grauens und neue Erinnerungspraktiken verzerrt wird.

Leider hat Götz Aly aus mir nicht verständlichen Gründen dieses wegweisende Buch von Claussen in seiner neuen Arbeit nicht einmal im Literaturverzeichnis erwähnt. Das soll nicht seiner Erkenntnisse zu "Gleichheit, Neid und Rassenhass" schmälern, aber erstaunlich ist es doch.

Tatsache ist, dass die Arbeit Alys zeigt, dass die Wurzeln des Antisemitismus bis tief in die deutsche Gesellschaft hineinreichen. Sein Resümee ist ernüchternd:
"Kain erschlug seinen Bruder Abel, weil er sich von Gott zurückgesetzt und ungerecht behandelt fühlte. Der erste Mord der Menschheitsgeschichte geschah aus Neid und Gleichheitssucht. Die Todsünde des Neides, kollektivistisches Glücksstreben, moderne Wissenschaft und Herrschaftstechnik ermöglichten den systematischen Massenmord an den europäischen Juden. Das zwingt zum Pessimismus: Es gibt keinen Ort des Bösen, der sich ein für alle Mal vermauern ließe, um derartige Schrecken zu bannen. Ein Ereignis, das dem Holocaust der Struktur nach ähnlich ist, kann sich wiederholen. Wer solche Gefahren mindern will, sollte die komplexen menschlichen Voraussetzungen betrachten und nicht glauben, die Antisemiten von gestern seien gänzlich andere Menschen gewesen als wir Heutigen."
Fazit
Ein Ereignis, das dem Holocaust der Struktur nach ähnlich ist, kann sich wiederholen.
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne
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Vorgeschlagen von Winfried Stanzick [Profil]
veröffentlicht am 25. August 2011

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