Wolfgang Herles: Die Dirigentin

Die Dirigentin

Verlag: S. Fischer [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-10-033187-8

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Frauen - Macht

Gut, dass Wolfgang Herles am Ende des Buches darauf verweist, dass die Personen des Romans zwar frei erfunden sind, Ähnlichkeiten mir realen Persönlichkeiten aber als "unvermeidlich" sich darstellen. Man könnte nach der Lektüre des Buches auch sagen, dass mancherlei Ähnlichkeiten durchaus gewollt scheinen.

Gerade in der Person der Bundeskanzlerin Christina Böckler taucht einem doch, flankiert durch die Titelbildgestaltung, vor allem aber aufgrund der luzide skizzierten Persönlichkeit der "ersten Frau im Staate" im Buch oft und oft die aktuelle Bundeskanzlerin auf.
Auch die Grundkonstruktion der Geschichte führt in diese Richtung.
Sind nicht eine ganze Reihe männlicher politischer "Platzhirsche" in den letzten Jahren entzaubert, entmachtet, fast "entmannt" worden? Von eben jener realen Kanzlerin?
Was wundert es, das es der Hauptperson des Buches, Jakob Stein, Ex-Staatsminister, der sein Leben der Politik geweiht hatte, sich privat bereits geschieden vorfindet und nun auch politisch die Scheidung eingereicht bekommen hat, sich nahtlos in dieses Bild von Männern einreiht, die sich über Nacht auf dem Abstellgleis wiederfinden? Von eben jener ihm doch so vertrauten Kanzlerin, der er seine Kraft "geopfert hat".

Das Bild einer "Entmannung" erhält im weiteren Verlauf des Romans, je besser der Leser jenen Jakob Stein kennenlernt, durchaus weiter an Tiefe. Aus seiner nun intensiv, fast fanatisch, gelebten Freude an der klassischen Musik entsteht eine weitere Obsession, die jener ehemals für die Politik und für die Kanzlerin in nichts nachsteht. Jakob Stein lernt eben nichts dazu. Innerlich, persönlich. Diese Fähigkeit zur Reflektion der eigenen Peron hat er nicht ausgeprägt im Leben (noch mehr Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen).

Der Dirigentin Maria Besson wendet er sich mit ganzer "Herzenskraft" zu und, späterhin, mit ganzer politischer Erfahrung und Leidenschaft, als diese in Berlin wissentlich Teil des intriganten Kulturgeschehens wird. Besson möchte den Chefposten. Andere wollen das verhindern. Jakob Stein entbrennt in leidenschaftlicher Liebe und macht sich zum stalkenden Affen, lange Zeit, ohne es zu merken. Bis auf seine Vermittlung hin die Dirigentin und die Kanzlerin sich bei einem gesellschaftlichen Anlass kennenlernen und miteinander zu verbünden scheinen. Nicht unbedingt primär gegen ihn, wohl aber für das Ziel der Dirigentin (und damit gerät Stein indirekt zwischen die Mahlsteine der beiden ehrgeizigen und machtbewussten Frauen). Mahlsteine, die ihn innerlich zerreiben werden und eine Kanzlerin, die Besson ebenso fallen lassen wird, als es an der Zeit wäre, sich eindeutig zu positionieren, wie sie bisher jeden fallen gelassen hat, der ihr nicht mehr nützlich war.

Neben diesen äußeren Erzählstrang von den schmutzigen Haltungen und Wegen der Macht, von der kühl lächelnden Entsorgung ehemaliger Weggefährten, wenn sie lästig werden, stechen im Buch zwei weitere Momente heraus, welche die Lektüre zu einem Gewinn werden lassen. Das Psychogramm des "Vollblutpolitikers" Jakob Stein mitsamt seiner degenerierten, kaum entwickelten, emotionalen Fähigkeiten ist schmerzlich in seinen naiven und sich verstrickenden Bemühungen zu beobachten, der angehimmelten Dirigentin zu gefallen. Diese innere Entwicklung bringt Wolfgang Herles genau auf den Punkt und führt so beispielhaft eindrucksvoll in das Innenleben jener Menschen ein, die außer der Politik und der Parteistrategien keine anderen Fähigkeiten im Leben entwickelt haben. Eine drückende innere Leere, die Jakob Stein in diesem Buch (und im wahren Leben?) nicht füllen werden wird.

Zum anderen schildert Herles akribisch Hintergründe, Interpretationen, ausgewählter Stücke klassischer Musik und nimmt den Leser mit "hinter die Bühne", vor allem, das den Ring Wagners angeht. Auch dies bildet durchaus einen Gewinn der Lektüre. Der Leser spürt, dass sich Herles in beidem, der Politik und der klassischen Musik, auskennt und sein Wissen geschickt mit einfließen lässt.
Fazit
Unbefriedigend verbleibt demgegenüber der offene Schluss des Buches im Raume. Zudem sind, gerade zum Ende hin, die inneren Entwicklungen des Jakob Stein doch ein wenig an den Haaren herbeigezogen und kaum vorstellbar in diesen Formen völliger "innerer Entgleisung". Kleine Wehrmutstropfen in einem gelungenem Roman der Schilderungen des "Innenlebens" der Macht. Auf politischer, menschlicher und musikalischer Ebene.
6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 23. August 2011

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