Horst Möller: Weimar: die unvollendete Demokratie

Weimar: die unvollendete Demokratie

Verlag: dtv [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-423-04512-4

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Horst Möllers erstmals 1985 erschienene Darstellung der Weimarer Republik als "unvollendeter Demokratie" ist bis heute ein Meilenstein der Forschung. Sie konzentriert sich sehr auf die politische Geschichte und die persönlichen Faktoren der Republik. Bestechend an dieser Ausgabe sind vier Tatsachen: zum ersten gibt es psychologisch eindrucksvolle Portraits der beiden Reichspräsidenten der Weimarer Republik, Ebert und Hindenburg, wobei hier eindeutig - im Gegensatz zu früheren Weimar-Publikationen, etwa Hagen Schulzes "Weimar", die Wahl Hindenburgs 1925 als entscheidender Wendepunkt und als Verhängnis für die Republik betrachtet wird. Auch charakterlich sei - wie Möller eindrucksvoll im Vergleich zu der Studie von Ebert nachweist - Hindenburg seiner Aufgabe nicht gewachsen gewesen, da er wider besseres Wissen 1919 zur Entstehung der Dolchstoßlegende beigetragen habe und somit - nebst seiner Illoyalität gegenüber den Reichskanzlern Brüning und Schleicher, entscheidend zum Untergang der Republik beigetragen habe.
Zweitens hat Möller in einem Epilog nochmals die Gründe für das Ende der Weimarer Demokratie und die nationalsozialistische Machtergreifung 1933/34 eindrucksvoll herausgearbeitet, wobei er auf das komplexe Ursachenfeld historischer, psychologischer, wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Faktoren eindrucksvoll darlegt und drei zentrale Fragen überzeugend beantwortet: Welche Belastungsfaktoren für die Weimarer Demokratie die heutige Forschung als entscheidend ansieht; wie es mit der Stabilität der Weimarer Demokratie tatsächlich bestellt war und welchen Charakter die aufsteigende nationalsozialistische Bewegung besaß und warum sie dem Weimarer Staat so schnell den Todesstoß versetzen konnte. Wer diesen 19-seitigen in die erweiterten Ausgabe von 1993 aufgenommenen Aufsatz liest, ist wirklich umfassend über die Gründe des Scheiterns der ersten deutschen Demokratie informiert.

Drittens hervorzuheben ist die umfangreiche Sammlung an Dokumenten. Hier besticht unter anderem die Darstellung der entscheidenden Artikel der Weimarer Reichsverfassung, die ihren Kompromißcharakter zwischen parlamentarischer und präsidialer Verfassungskonstruktion deutlich aufzeigt. Der Reichspräsident sah sich durch den Notverordnungsartikel 48, den Parlamentsauflösungsartikel 25 und den Artikel 53 (alleiniges Ernennungs- und Entlassungsrecht des Reichskanzlers) ab 1930 in der Lage, die "präsidialen Reserveelemente" voll zur Geltung zu bringen. In der Tat konnte man Weimar ab 1930 als Präsidialsystem bezeichnen (S. 212).

Viertens besticht an der Darstellung in der vorliegenden DTV-Reihe die kompetente Darstellung und Interpretation der Primärquellen sowie der ständig anwachsenden Sekundärliteratur, die mit jeder Auflage aktualisiert wird.
Fazit
Insgesamt also eine vorzügliche, auch für Schüler glänzend geeignete, Kurzdarstellung über die Geschichte der Weimarer Republik, die die Konkurrenz mit anderen Gesamtdarstellungen, etwa der von Hagen Schulze oder der vorzüglichen Arbeit von Heinrich A. Winkler nicht zu scheuen braucht. Für mich nach wie vor die beste Gesamtdarstellung zu diesem Thema.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 28. August 2003

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