Jan Grossarth: Vom Aussteigen und Ankommen

Vom Aussteigen und Ankommen

Verlag: Riemann [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-570-50123-8

Preis: 4,90 Euro bei Amazon.de [Stand: 05. Dezember 2016]
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Anders Leben

Jeder hat sicherlich so seine Vorstellungen von der Lebensweise jener Menschen, die man gemeinhin "Aussteiger" nennt. Interessanterweise, im Groben zumindest, werden jene Vorstellungen durchaus erhärtet durch das Buch von Jan Grossarth, wenn auch manche Feinheiten hinzutreten, die ein differenzierteres Bild entfalten als die gängigen, pauschalen Vorurteile vom sogenannten "einfachen Leben" nund den "weltfremden Spinnern", die es führen.

Jan Grossarth hat sich auf Spurensuche jener begeben, die (übrigens in manchen Fällen gar nicht leicht zu finden), andere, alternative Lebenswege für sich in den Raum stellen. Unterschiedlichste Konzepte sucht und findet er auf diesem Weg. Von zurückgezogen lebenden "Selbstversorgern" über ganze alternative Dörfer und religiöse Gemeinschaften bis hin zum ehemaligen Investmentbanker, der nun ein Restaurant auf einer Berghütte eröffnet.

Wohltuend darstellend und nur sachte wertend stellt Grossarth Menschen, Konzepte, Lebensumfelder vor, die bei aller Unterschiedlichkeit geeint sind in ihrer Lebensform jenseits bürgerlicher Normen, geprägt oft von großer Einfachheit und Nähe zur Natur.

Eine der stärksten Stellen des Buches drückt dies eher indirekt hervorragend aus.
In Köln, als Grossarth einige Tage bei der Communite de Jerusalem in Groß St. Martin verbringt und nach zwei Tagen intensiven Erlebens der Klausur das Wohnhaus der Gemeinschaft verlässt und durch die Altstadt Kölns flaniert. Seine einfache, präzise und nicht wertende Darstellung seiner Beobachtung des bunten Menschengewimmels und die spürbare Irritation über dieses hektische, bunte, laute Gewusel nach nur zwei Tagen "Entrückung" desselben bringt genau auf den Punkt, wie massiv sich die Welten der "Aussteiger" von der "normalen" Welt unterscheiden und dass durchaus von "Aussteigerseite" her einiges ganz zurecht hinterfragt wird, was das "moderne" Leben an Verhaltensweisen und Moden täglich für normal hält. Hier kann aus der inneren Haltung der Ordensleute genauso kritisch die moderne Welt angefragt werden, wie aus der "Tauschringhaltung" einer Gemeinschaft in der Uckermark her.

Einfache Lebenskonzepte, aber auch exotische Sichtweisen hinter diesen Lebenswelten finden sich im Buch. Aussteiger, die in ihrer Selbstdarstellung, die Grossarth im Buch minutiös aufnimmt und wiedergibt, reinweg als "spinnert" zu titulieren wären (der "Waldmensch im Westerwald", die "esoterische Gemeinschaft im Piermont"), aber auch durchaus im Kern unsympathische und überhebliche Arroganz und Geschäftstüchtigkeit mit Umgangsformen auf Kindergartenniveau (das "politische Ökodorf Sieben Linden mitsamt seinen hohen Kosten für "Gäste" und einer "ulkigen Ute", einem "grünen Gisi" oder dem "dollen Dieter"). Solches wechselt ab mit entspannten und nicht unbedingt die Welt verbessern wollender Haltungen wie bei Jörg Remus auf seinem kleinen Hausboot in Köln.

Exotische Lebensformen und in weiten Teilen, tatsächlich "weltfremd" anmutende persönliche Ausprägungen stellt Jan Grossarth fundiert und selbst erlebt vor. Zu einfach wäre es (auch das ein Verdienst des Autors), am Ende der Lektüre jene "Aussteiger" einfach als "nicht lebensfähig in der realen Welt" zu kennzeichnen. Bei einigen trifft dies durchaus zu, vielfach aber finden sich Gedanken und Ansätze zu einem anderen Leben, die ganz zurecht sich weg entschieden haben von dem, was in der modernen Welt als "normal" gilt. Eine Lektüre, die sich lohnt. Die ein buntes Bild einer anderen Lebensform wiedergibt und die durchaus zur Reflektion des eigenen, gewohnten Lebensstils anhält.
Fazit
Ein Buch, das zeigt, dass "Ankommen" eine der schwersten Übungen des Lebens ist, egal, welche Wege man einschlägt. Denn "Angekommen" wirken noch lange nicht alle, die Grossarth besucht, aufsucht und deren Weg er im Buch darstellt.
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 10. Mai 2011

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