Michel Onfray: Anti Freud

Anti Freud

Verlag: Albrecht Knaus Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-8135-0408-8

Preis: 24,99 Euro bei Amazon.de [Stand: 03. Dezember 2016]
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Entzauberung?

Schon das Titelbild des Buches zeigt die Richtung auf, die Onfray konsequent im Buch durchhält. Das zeichnerisch verballhornte Portrait Freuds, das durch einige rote Ergänzungen zum Teufel stilisiert wird. Freud, einer, der als Person starke Defizite aufzuweisen hatte, wie Onfray eloquent darlegt, der aber, das vor allem, aus den Defiziten seiner eigenen Person heraus auch eine wissenschaftliche Methode begründete und entfaltete, die Psychoanalyse, die wie kaum eine andere geisteswissenschaftliche Methode tatsächlich die Welt, vor allem den Menschen und seinen Blick auf sich selbst veränderte. Methode und Person sind im Fall der Psychoanalyse nun untrennbar miteinander verbunden und so bleibt nicht aus, das ein solch kritischer Blick auf Freud ebenso seine Methode äußerst kritisch hinterfragen muss.

Die Rezeption des Buches findet dementsprechend äußerst kontrovers statt. Sich der Kritik zu stellen war den Anhängern der "reinen Lehre" der Psychoanalyse noch nie ein Leichtes. Und kritische Anfragen an die Psychoanalyse gibt es durchaus zu Hauf, da ist Onfray weder der erste noch der Gründlichste. Die Methode selbst fordert in ihren grundlegenden Annahmen und ihrer Wirkweise ja geradezu zur Kritik heraus, denn eine Evidenz der Methode ist oft nur schwer nachweisbar (nicht nur, weil Menschen wie Woody Allen fast mit ihren jahrzehntelangen Analysen kokettieren, oder weil Sergeij Pankejeff, den Freud selber noch begann, zu behandeln, fast 60 Jahre Analyse absolviert). Was nutzt eine Methode, die unter Umständen jahrzehntelang nicht zur wirklichen Heilung führt? Vielfach ernsthafte Anfragen und kritische Bearbeitungen stehen spätestens seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts im Raum, die allesamt durch die "Freudianer" nicht konsequent entkräftet werden konnten.

Nun aber setzt Onfray dieser kritischen Sicht auf die Psychoanalyse noch zwei Erweiterungen in den Raum, die miteinander in Verbindung stehen. Zum einen bezweifelt er, übrigens fundiert recherchiert und durchaus nicht einfach so von der Hand zu weisen, die Grundannahme der analytischen Haltung. Das frühkindliche Konflikte unbewusst weiterhin vorliegen und die Person entscheidend prägen, dass somit deren Aufdeckung den Kern therapeutischer Arbeit darstellt und entscheidend bedeutsam ist. Für Onfray gehört dies mit in den großen Komplex eines "Märchens", als dass er die Psychoanalyse letztendlich etikettiert. Und zum anderen wendet er sich, das erste Argument quasi verursachend, gegen die Person Freud selbst, dem er Geldgier, Beugung von Fakten, Desinteressen am Menschen an sich (Menschen dienten ihm nur dazu, seine eigene Theorie zu festigen), lebenslange, fast krankhafte Bindung seiner Tochter Anna an sich, die er persönlich einer Analyse unterzog (eine "Kardinalsünde" in den Augen sämtlicher Psychotherapierichtungen) und alles in allem eine kühle Strategie zur eigenen Überhöhung attestiert. Einer, der Theorien, teils auch "wirre Gedanken" formulierte, um sich selbst zu erklären.

So besteht die Psychoanalyse nach Sigmund Freud im Verständnis Onfray im Kern aus nichts anderem, als einer "mythisch überhöhten Selbstdarstellung (des größenwahnsinnigen) Freuds", der seine eigenen Fragen und Erlebnis in Theorien formulierte und Patienten allein dazu nutzte, teils auch mit weit hergeholten Symptomdeutungen, in das Raster seiner Theorie zu integrieren. Übrigens sollte Onfray nicht dahingehend missverstanden werden, dass er sich gegen jede Form psychotherapeutischen Handelns und Wirkens stellt. Ihm geht es ganz konkret nur um die Psychoanlyse nach Sigmund Freud und um Sigmund Freud selbst.

Hier finden sich im Verlauf der Lektüre dann zunehmend aber auch die Schwächen des Buches. Fakt ist nämlich auch, dass der gesamte, breite Bereich der hundertfach vorliegenden psychotherapeutischen Richtungen und Methoden mit der klassischen Analyse nur mehr wenig anzufangen weiß und kaum mit Elementen der Freudschen Analyse arbeitet. Dass die Lehre Freuds vielfach ernsthaft als zirkulär, nicht evident und daher kaum als wissenschaftlich zu kennzeichnen ist. Hier läuft Onfray höchstens offene Türen ein und kann der Diskussion um die moderne Psychotherapie nichts Neues beifügen.

Was bleibt ist eine eloquente, fundierte, sorgfältig recherchierte, dennoch aber stark persönlich gefärbte Abrechung mit einem Idol der eigenen Kindheit und Jugend (Onfray selbst erläutert im Buch seine frühe Verehrung für Freud). Eine Abrechung, die dennoch vieles zur Person Freuds im Zusammenhang darstellt und interpretiert, was so in dieser geballten Form noch nicht vorlag. Und die damit tatsächlich ein großes stückweit den Mann und Arzt Sigmund Freud "entzaubert", wie auch die Motive für dessen Entwicklung der Psychoanalyse höchst kritisch, durchaus aber nachvollziehbar, darstellt.
Dass das Verdienst Freuds, den Weg für die intensive Betrachtung des Menschen "von Innen" heraus zu öffnen und eine beständige und andauernde Weiterentwicklung vom Wissen über die Seele und deren Behandlungsmethoden zu initiieren von Onfray nicht positiv gewürdigt werden kann, ist das Problem des Autors, dass der Leser sich nicht zu eigen machen muss.
Fazit
Ein leidenschaftliches, stark persönlich gefärbtes Buch, das zu einer Auseinandersetzung geradezu einlädt und daher im Blick auf diese zentrale Figur des frühen 20. Jahrhunderts höchst lesenswert ist. Mit genügend kritischem Abstand zu Freud, aber auch zu Onfray.
7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 06. Mai 2011

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