Anne Delaflotte: Mathilde und der Duft der Bücher

Mathilde und der Duft der Bücher

Verlag: Kindler Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-463-40593-3

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Der Kunde, der an Mathildes Ladentür in Montlaudun klopft, noch ehe sie ihre Buchbinderwerkstatt öffnen kann, riecht als hätte er lange im Wald gelebt. Es ist ein auffallend großer gehetzt wirkender Mann, der ein in Ziegenleder gebundenes Buch restaurieren lassen möchte. Das Buch mit Architekturzeichnungen ist in keinem Verlag erschienen, es zeigt den Bauverlauf für einen römischen Tempel in einem Wald. Dem Kunden eilt es, er zahlt im Voraus und legt exakt fest, was an dem intarsienverzierten Band getan werden muss. Für das in den Augen einer französischen Buchbinderin ungewöhnlich gearbeitete Buch stellt Mathilde alle anderen Aufträge zurück. Der Kunde, der auf Mathilde einen zurückhaltenden, erschöpften Eindruck machte, verunglückt noch am gleichen Tag. Mathildes Besucher hat keine Papiere bei sich, niemand im Ort scheint ihn zu kennen.

Das Buch des Unbekannten riecht intensiv nach Rauch. Mathildes Gedanken schweifen zu den Tempel-Abbildungen und zu ihrem Großvater. Beim Großvater hatte Mathilde ihr Handwerk gelernt, der Großvater war im Gegensatz zu seiner Enkelin immer dagegen, in den Büchern zu lesen, die er zu restaurieren hatte. Beim Lösen des Buchblocks vom Einband fällt Mathilde aus dem Deckel ein Notizzettel mit Namen entgegen und sie findet einen winzigen, verbrannten Holzsplitter. Da niemand den Unbekannten bisher vermisst gemeldet hat, können nur Indizien Hinweise auf seine Herkunft geben. Den Splitter lässt Mathilde vom Uhrmacher des Ortes genauer untersuchen, mehr darüber möchte sie von einer Archäologin in der nächsten Stadt erfahren. Der Unbekannte und sein Buch sind im Handwerkerviertel Montlauduns inzwischen Tagesgespräch. André, der Bäcker, sieht sofort, dass der Zeichner die Wälder der Umgebung wiedergegeben hat. Von André, Mathildes väterlich wirkendem Nachbarn, kommt der entscheidende Tipp auf eine einsam liegende Mühle der Region. Mahtildes Recherchen führen sie bis in die Zeit der Résistance zurück, ehe verschiedene Hinweise ihrer Handwerker-Kollegen ihr schließlich das Geheimnis des Fremden und seines ungewöhnlichen Buches enthüllen.

Mathilde ist eine zupackende junge Frau, die ihren Beruf in Paris aufgibt, um in der Dordogne ihrer Leidenschaft für das Buchbinden nachzugehen. Ihre persönlichen Geheimnisse gibt die Icherzählerin ihren Lesern nicht vollständig preis. Cyrano de Bergerac, der hier gelebt hat, brachte Mathilde nach Montlaudun, er ist ihre "Männertherapie", ihr Talisman, dessen Texte sie mit sich herumträgt. Das traditionelle Handwerk bietet Mathilde eine Fluchtmöglichkeit aus ihrem bisherigen Leben. Dass die Werkstücke Jahrhunderte überdauern werden, nachdem ein Buchbinder sie restauriert hat, ist eines der Motive für Mathildes Entscheidung für ihr Handwerk. Der Geruch der Bücher und die Arbeit mit den Händen vermitteln Mathilde Ruhe und ein Gefühl der Nähe zu ihrem Großvater. In der Handwerkergasse Montlauduns hat sich wie auf einer Insel mitten in der Stadt eine eingeschworene Gemeinschaft gebildet, in der jeder zum Überleben auf den Umsatz durch seine Kollegen angewiesen ist. Mathilde ist in diesem Kreis die Jüngste. Bäcker, Uhrmacher, die Eisenwarenhändlerin, die schon längst im Rentenalter ist, auch der Kolonialwarenladen können nur überleben, wenn die Nachbarn nicht im Supermarkt kaufen.

Als in den Nachbarorten Gerede über Mathildes geheimnisvollen Kunden entsteht, bringen die Gerüchte Mathilde in ernste geschäftliche Schwierigkeiten. Krimireife Ermittlungen, unterstützt von Mathildes Handwerker-Kollegen, stellen die Verknüpfung zwischen persönlichen Schicksalen mit der regionalen Geschichte her und bringen am Ende die Menschen wieder zusammen. Die Lösung der Geschichte wirkt angesichts der komplexen Handlung recht simpel. Anne Delaflotte hat mit Mathilde eine moderne Kunsthandwerkerin geschaffen, die als Person bis zum Schluss des Buches rätselhaft bleibt. Die geradezu sinnliche Darstellung der Buchbindearbeiten und Mathildes besondere Beziehung zu Büchern kann so wohl nur eine Autorin beschreiben, die das Handwerk selbst ausübt.
Fazit
Mathilde und der Duft der Bücher ist als ruhig erzählte und doch spannende Geschichte durch ihre zurückhaltend gezeichnete Hauptfigur und die sorgfältige, detailreiche Darstellung des Buchbindens für meinen Geschmack eines der beeindruckendsten Bücher des Jahres.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne

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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 12. März 2011

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