Christian Meier: Caesar

Caesar

Verlag: dtv [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-423-30593-8

Preis: 3,79 Euro bei Amazon.de [Stand: 27. September 2016]
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Das Buch, im Sommer 1982 erschienen, ist mittlerweile ein Klassiker. Angeregt durch die kurze Caesar-Biographie von Martin Jehne habe ich beschlossen, diesen Klassiker endlich einmal ausführlich zu lesen. Meier beleuchtet auf 600 Seiten den politischen Aufstieg des "Außenseiters" Caesar. Caesar, ein Gegner des Feldherrn und Diktators Sulla, ist eine Person, die nur in der Krise der römischen Republik nach den Aufständen der Gracchen im Jahr 133 v. Chr. vorstellbar war. Meier arbeitet - wie zuvor Karl Christ - die Gründe der Krise der römischen Republik heraus. Hauptsächlich bestand sie darin, dass die römische Republik, genauer gesagt, die römische Oligarchie, die Herausforderungen, die Roms Stellung als Weltmacht bedingte, nicht bewältigen konnte. Die Feldzüge zur Sicherung des Imperiums erforderte eine Miliz- bzw. Berufsarmee und gab daher dem Feldherren, der als "Belohnung" für seine Truppen Land forderte, dem "Imperator", eine Bedeutung, die er in der alten Republik nicht hatte. Hier folgt Meier seinem Vorbild Matthias Gelzer, dessen Caesar-Biographie von 1921 heute noch als Standardwerk der Forschung galt.

Neu an Meiers Darstellung ist die Auffassung, zur Krise der Republik habe es "keine Alternative" gegeben. Meier meint damit, dass die Republik de facto schon tot war, die Alternative aber nicht in Sicht war. In jedem Fall wurde das Regieren schwieriger, die Republik geriet in immer schwierigeres Fahrwasser. Zwar gab es namhafte Verteidiger dieser Staatsform, wie Cato den Jüngeren und Cicero, der 63 v. Chr., zum Zeitpunkt der Verschwörung des Catilina, auf dem Höhepunkt seiner Macht stand. Ob Caesar, als Sulla-Gegner den Popularen zuneigend, Catilina unterstützt hat, ist ungeklärt. Offen hat er es wenigstens nicht getan. Schon sehr früh zeigte Caesar Aktivität und Initiative, etwa, als er auf eigene Faust als junger 23-jähriger Seeräuber, die ihn gekidnappt hatten, nach seiner Freilassung durch sie verfolgt und besiegt hatte.

Caesar wollte die Krise der Republik durch entschiedene Maßnahmen, etwa eines Getreidegesetzes, lösen und verband sich daher mit Pompeius und Crassus. 59 v. Chr. zum Konsul gewählt, wurde er jedoch von seinem den Optimaten nahestehenden Mitkonsul Bibulus ausgegrenzt. Doch Caesar ignorierte das Veto von Bibulus und setzte seine Maßnahmen ohne Rücksicht auf das politische System mit Hilfe ergebener Anhänger im Volkstribunat durch. Für diese Mißachtung des politischen Systems sollte er zur Rechenschaft gezogen werden und hätte nach Ende seiner Amtszeit nicht nur einen Haufen Schulden gehabt, sondern auch zahlreiche Prozesse zu überstehen. Doch er wurde Prokonsul von Gallien und konnte sich für 10 Jahre dieses Kommando sichern, wobei er Gallien unterwarf und eine unvorstellbare Zahl von Toten hinterließ. Seine Kriegsführung stand nicht mit den Prinzipien der römischen Machteroberung in Einklang, seine Gegner wollten ihn deshalb anklagen.

Um dieser Anklage und seinem politischen Sturz in die Bedeutungslosigkeit zu entgehen, um seine "dignitas", seine Würde zu retten, wie Caesar selber sagte, führte er den Bürgerkrieg gegen den Senat und den mittlerweile mit dem Senat verbündeten Gegenspieler Pompeius. Dank seiner militärischen Fähigkeiten siegte er im Bürgerkrieg und ließ sich zum Diktator, 44 v. Chr. auch zum "Dictator perpetuus", dem Diktator auf Lebenszeit ernennen. Darin sahen auch frühere Anhänger eine Bedrohung der republikanischen Staatsform und schritten zum Staatsstreich an den Iden des März 44 v. Chr. Sie betrachteten Caesar als Tyrann und ermordeten ihn.

Letztlich zeigte sich jedoch, dass die Republik nicht zu retten war. Caesar Adoptivsohn Oktavian, zum Zeitpunkt von Caesars Ermordung erst 18 Jahre alt, siege im Jahrzehntelangen Bürgerkrieg durch die Schlacht von Actium 31 v. Chr. und wurde Alleinherrscher - seine Absichten durch scheinbare Teilhabe des Senats an den Regierungsgeschäften klug verhüllend.

War Caesar nun groß? Meier bejaht - im Gegensatz zu Jehne - diese Frage. Caesar sei ohne Frage eine große Figur in seiner Zeit gewesen. Und genau da setzt meine Kritik an. Natürlich kann man auch politische Verbrecher, etwa Hitler und Stalin, groß nennen, in dem sinne, als sie über überragende Fähigkeiten verfügten, die sie ihren Mitkonkurrenten überlegen machten. Dann ist Größe ein neutraler Begriff, der Verbrecher und Mörder ebenso "groß" zu nennen wie derjenige, der sein Land vorangebracht und Gutes für sein Land getan hat.

Wenn Meier dies so differenzierend erläutert hätte, dann könnte ich mit seiner Einschätzung noch leben. Was aber an seiner umfangreichen, durch zahlreiche Wiederholungen aber nicht immer durch neue Erkenntnisse bestechenden, Biographie nicht deutlich wird, ist der fatale Kreislauf, den Martin Jehne in seiner kurzen Caesar-Biographie erläutert hat: Caesar hat aus rein egoistischen Gründen, zur Verhinderung seines politischen Sturzes, nicht etwa um seiner "dignitas" wegen, den Bürgerkrieg begonnen und er hat die grausamen Feldzüge in Gallien allein aus innenpolitischen Motiven geführt: er fürchtete Prozess und politischen Absturz. Außerdem hatte er - wie viele Politiker zu jener Zeit - enorme Schulden machen müssen, um seinen politischen Aufstieg zu finanzieren. Ohne Ausplünderung seiner Provinzen hätte er niemals diese Schulden "abzahlen" können. Eine Provinz zu zerstören, nach heutigen Schätzungen Millionen Tote zu riskieren, um ein Land zu unterwerfen, aus rein egoistischen Motiven heraus, dies ist das Einmalige und Verbrecherische an Caesar. Diese Zusammenhänge hat Martin Jehne, in Grenzen auch Werner Dahlheim, herausgearbeitet.

Insofern ist die Meiersche Biographie, auch wenn sie Caesar als Produkt und z.T. Getriebenen in seiner Zeit sieht und so einordnen möchte, letztlich apologetisch. Bei der - sachlich nüchternen, an Quellen orientierten, Biographie des Meier-Vorbildes Matthias Gelzer ist dies nachvollziehbar, 1921 war einfach eine andere Zeit. 1982 und später hätte ich aber doch gerne eine kritischere Einordnung Caesars gewünscht, zumal ich mit dem Konzept politischer "Größe" von zweifelhaften Staatsführern, die eigentlich Verbrecher waren, starke Probleme habe.

Insofern ist es wesentlich erhellender, Jehnes kurze, bei Beck Wissen erschienene, Biographie zu lesen. Außerdem endet Meiers Werk relativ aprupt mit Caesars Ermordung ohne auf die Konsequenzen, das Ende der Republik, einzugehen.

Meisterhaft jedoch sind die psychologischen Portraits, die Meier von den "Großen" der Epoche zeichnet, doch diese unbestreitbare Meisterleistung reicht m.E. nicht, der Biographie einen wirklichen, d.h. über bisherige Erkenntnisse hinausgehenden, Informationswert zuzuschreiben, wie man es bei Jehne tun kann. Kurz und knapp: Wer Jehnes Werk gelesen hat, weiß alles Relevante über Caesar, was man wissen muss. Dies gilt - trotz seiner Apologetik, in gewissen Grenzen auch für Gelzers Werk, wobei bei letzterem v.a. das erste Kapitel über die römische Nobilität zu seiner Zeit bahnbrechend war und bis heute Stand der Forschung geblieben ist.
Fazit
Fazit: als Ergänzung zu Jehne durchaus interessant und stilistisch sicherlich sehr gut geschrieben, aber letztlich weniger informativ als Jehnes Werk. Für Caesar-Interessierte dennoch unverzichtbar. Zusätzlich sollte Karl Christs: "Krise und Untergang der römischen Republik" und sein "Caesar: Annäherung an einen Diktator" für Seminare oder Vorträge zu Rate gezogen werden, ebenso E. Baltschruschs: Caesar: Wege der Forschung aus dem Jahre 2007.
6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne
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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 24. Januar 2011

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