Yu Hua: Brüder

Brüder

von Yu Hua
Verlag: S. Fischer [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-10-095803-7

Preis: 4,66 Euro bei Amazon.de [Stand: 01. Januar 1970]
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Glatzkopf-Li und Song Gang sind Halbbrüder. Der Vater des kleinen Glatzkopf erstickte in der Jauchegrube, weil er unbedingt mit dem Kopf voran im Plumpsklo von unten den nackten Hintern von Lin Hong sehen wollte. Lis Mutter findet zwar ein neues Glück an der Seite von Song Fangping, Song Gangs Vater, doch den Makel des Tods im Plumpsklo wird die Familie nicht wieder loswerden. Der kleine Li ist ein frühreifes Kind, das seine ersten sexuellen Erfahrungen an Laternenpfählen und auf Bänken macht und wie sein Vater schon früh zum Spanner wird. Während Maos Kulturrevolution wird Herr Song als Sohn eines "Grundbesitzers" verhaftet und vor den Augen seiner Kinder zu Tode gefoltert. Nach dem frühen Tod der Mutter müssen die beiden Halbwüchsigen nun für sich selbst sorgen. Wie ein altes Ehepaar leben sie zusammen. Beide arbeiten, Song Gang führt den Haushalt und verwaltet das gemeinsame Geld. Er kann alles, nur keine Kinder kriegen, meint der kleine Glatzkopf über seinen älteren Bruder. Li findet einen Job als einziger leistungsfähiger Arbeiter in einer Behindertenwerkstatt und bringt den Betrieb bald zu wirtschaftlicher Blüte. Mit einer Mischung aus Protektion durch seinen Gönner Tao, frechem Mundwerk und abenteuerlicher Selbstüberschätzung bringt Li es zum "Direktor". Die einzige, die hinter Lis Fassade blickt, ist Lin Hong, um die Glatzkopf Li heftig wirbt. Obwohl sie sich Lis Werbung nur schwer entziehen kann, entscheidet Li sich für den gutmütigen Song Gang.

Zehn Jahre später kündigt Li in der Behindertenwerkstatt, um in Shanghai das ganz große Geld zu machen. Zur Finanzierung seiner hochfliegenden Pläne verkauft er Aktien an den Eisverkäufer "Stieleis-Wang", den Zahnreißer Yu und die Imbissbesitzerin. Im Gegenzug dürfen Lis Aktionäre die Markennamen zukünftiger Kleidungsstücke der Kollektion Li bestimmen. In Gedanken sehen alle Geldgeber sich bereits steinreich, doch Glatzkopf-Li kehrt ohne einen Fen in der Tasche aus Shanghai zurück. In kürzester Zeit baut Li ein Imperium als Altwarenhändler auf, während er im Zelt auf dem öffentlichen Platz vor dem Sitz der Kreisregierung residiert. Egal, was Schlitzohr Li anpackt, wen auch immer er über den Tisch zieht, alle halten große Stücke auf ihn. Li importiert bald Altkleider aus Japan und prägt das Modeempfinden seiner Heimatstadt damit nachhaltig. Der frühe Markenwahn, das Herumstolzieren mit handgestickten Fantasie-Labels auf der Kleidung - einfach köstlich. Doch auch die Altkleider-Schwemme ebbt ab; nun zieht Li als Verkäufer von Wundermittelchen durchs Land. Als nach grotesken Abenteuern Li steinreich in die Heimat zurückkehrt, nimmt die Geschichte der ungleichen Brüder eine traurige Wendung. Grund dafür ist, dass Li und Song Gang im entscheidenden Moment nicht miteinander sprechen und Lin Hong Geheimnisse vor ihrem Mann hat.
Fazit
Der Roman enthält einige Längen. Für zartebesaitete Gemüter gibt es mehrere Gründe, das Buch nicht zu lesen: die Szenen, die den Tod der Eltern schildern, sind schwer zu ertragen, das letzte Drittel der grotesken Schelmengeschichte befriedigt die Neugier des Lesers auf das wirkliche Leben in China nicht, die Sexszenen sind nicht drastisch, sondern einfach nur grotesk. Wer das erträgt, findet in "Brüder" einen liebevoll erzählten und in zeitgemäßes Deutsch übersetzten Roman. Die rührende Fürsorge des Herrn Song um seine Söhne noch aus der Haft heraus, die Gutmütigkeit Song Gangs oder Typen wie Stieleis-Wang machen die traumatischen Erlebnisse der Brüder während der Kulturrevolution für die Leser mehr als wett. Die Persönlichkeit des Glatzkopf-Li, der jeden um den Finger zu wickeln versteht, und Lis Abenteuerlust vermitteln eine Ahnung davon, welche Pionier-Typen ein Land vom Plumpsklo-Niveau ohne Umwege direkt ins Raumfahrtzeitalter katapultieren könnten.
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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 13. Januar 2011

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