Lisa-Marie Dickreiter: Vom Atmen unter Wasser

Vom Atmen unter Wasser

Verlag: Bloomsbury [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-8270-0945-6

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Vor kurzer Zeit ist Simons jüngere Schwester nachts auf dem Heimweg ermordet worden. Simon erhält die Nachricht, dass seine Mutter nach einem Selbstmordversuch im Krankenhaus liegt. Aus der distanzierten Perspektive des Medizinstudenten beobachtet der junge Mann die Krankenhausroutine, während er vor dem Zimmer seiner Mutter wartet. Der Vater ordnet an, dass die Patientin nach ihrer Entlassung von Simon zu beaufsichtigen ist, der dazu wieder ins Elternhaus zurückzukehren hätte. Simons Mutter ist noch immer selbstmordgefährdet; denn nur ihre körperlichen Verletzungen wurden bisher behandelt. Simon fühlt sich von der Entscheidung seines Vaters überrumpelt und weiß sich nicht dagegen zu wehren. Dass ihm die Rolle als Stütze für beide Eltern aufgedrängt wird, erweist sich als Katalysator für erhebliche Konflikte innerhalb der Restfamilie. Als würden die Häute einer Zwiebel nacheinander abgezogen, wird deutlich, dass das Leben in dieser Familie schon vor Sarahs Tod kein Familienleben mehr war. Eifersucht und Schuldgefühle verhinderten bisher, dass die Angehörigen um die ermorderte Sarah trauern konnten. Jeder verschließt seine Trauer und die eigenen widersprüchlichen Gefühle in sich und lässt nur die eigene Art gelten, mit dem Verlust umzugehen.

"Vom Atmen unter Wasser" ist ein schlanker Text; die entscheidenden Wendungen finden im Kopf des Lesers statt. Gezeigt wird die Zerstörung einer Familie als indirektes Opfer eines Verbrechens und die individuelle Art jedes Familienmitglieds, dem Trauerprozess um die ermordete Schwester auszuweichen. Das Verdrängen von Gefühlen und die mangelnde Einfühlung füreinander lässt die Autorin bedrückend deutlich werden. Sehr gut getroffen finde ich den Vater, als Sozialarbeiter in der klassischen Rolle des hilflosen Helfers, der sich mit Arbeit betäubt. Im Beruf rettet er regelmäßig Jugendliche vor dem Absturz in Suff und Sucht, für die Vorgänge in der eigenen Familie scheint der Vater blind zu sein. Seine leeren Worthülsen ("Liebes") werfen die drängende Frage auf, was er wirklich empfindet und was er dahinter verbirgt. Auch die Mutter mit ihren für Außenstehende absurd wirkenden Trauerritualen finde ich in ihrer Rolle "wer nicht in meiner Situation war, kann mich nicht verstehen und darum ist jede Bemühung um mich sinnlos" ausgezeichnet charakterisiert. Mit Elena, Sarahs Freundin, öffnet sich der Blick auf weitere Personen, die erst am Beginn ihres Trauerprzesses um Sarah stehen. Der Schluss knüpft eine Verbindung zum Prolog und erinnert an den kleinen Simon als eifersüchtigen Bruder - völlig alltägliche Gefühle, die in der besonderen Situation dieser Familie zum unlösbaren Problem werden.
Fazit
Der Roman, zu dem Lisa-Marie Dickreiter zeitgleich ein Drehbuch verfasste, zeigt in eindringlicher Weise, welche Familienkonflikte Angehörige eines Verbrechensopfers daran hindern, um die ermordete Schwester zu trauern.
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne

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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 06. Januar 2011

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