Thomas Asbridge: Die Kreuzzüge

Die Kreuzzüge

Verlag: Klett-Cotta Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-608-94648-2

Preis: 29,99 Euro bei Amazon.de [Stand: 27. September 2016]
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Vor über 900 Jahren, genauer gesagt im Jahr 1095, rief Papst Urban II. in Clermont zur "bewaffneten Pilgerfahrt" ins "Heilige Land" auf. "Deus lo volt" - Gott will es, soll die Masse der Anwesenden gerufen haben, um die während des 7. Jahrhunderts von den muslimischen Arabern eroberten ehemaligen oströmischen Gebiete für die Christen zurückzuerobern. Es war der Beginn einer Bewegung, die heute als Kreuzzüge bezeichnet wird. Die Kreuzfahrer eroberten 1099 tatsächlich nach vielen Strapazen Jerusalem, richteten dort aber ein regelrechtes Blutbad an. Die Geschichte der (zunächst vier) Kreuzfahrerstaaten war zwar nicht von einer permanenten Auseinandersetzung mit den muslimischen Anrainerstaaten geprägt - tatsächlich gab es sogar Zeiten einer bemerkenswerten Kooperation und gegenseitigen Toleranz -, doch stellt diese Zeit ohne Zweifel eine ruhelose Epoche dar. Ende des 12. Jahrhunderts schlugen die Moslems unter dem berühmten Feldherrn und Politiker Saladin zurück und eroberten Jerusalem nach der vernichtenden Niederlage der christlichen Truppen bei Hattin 1187. Anschließend waren die Christen in Outremer - im Land jenseits des Meeres, wie es auch genannt wurde - endgültig in der Defensive, 1291 fiel mit Akkon die letzte Kreuzfahrerfestung im Orient. Die Idee der Kreuzzüge als solche war damals aber schon diskreditiert, nachdem 1204 Kreuzfahrer die christliche Stadt Konstantinopel (das heutige Istanbul) erobert hatten und nachdem es im 13. und später im 14. Jahrhundert auch zu Kreuzzügen gegen Christen kam.

Noch heute hat der Begriff Kreuzzug (aus nachvollziehbaren Gründen) einen negativen Beiklang und wird oft polemisch gebraucht. Geschichtsvergessen auch von dem ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush, während im Nahen Osten die Erinnerung an diese Zeit keineswegs ganz verschüttet ist. Aus historischer Perspektive stellt die Epoche der Kreuzzüge ein interessantes und durchaus wichtiges Forschungsgebiet dar, wie die Publikation zahlreicher Fachbücher zu diesem Thema belegt: Von Runcimans noch heute lesenswerten Klassiker über Settons Handbuchreihe bis zu Mayers kurzer, aber informativen Einführung, Tyermans neuer Gesamtdarstellung und Riley-Smiths diversen Werken - um nur einige Namen zu nennen.

Nun hat auch der britische Historiker Thomas Asbridge, der schon eine wissenschaftliche Darstellung des 1. Kreuzzugs verfasst hat, eine Gesamtdarstellung vorgelegt, die hier in deutscher Übersetzung anzuzeigen ist. Asbridges Darstellung ist sehr umfangreich, was aber in Anbetracht des darzustellenden Sujets nachzuvollziehen ist - obwohl Asbridge sich nur den Kreuzzügen in den Orient widmet, die baltischen oder (späteren) italienischen Kreuzzüge im 14. Jahrhundert aber ausblendet (ähnlich wie Mayer, anders als Riley-Smith und seine Schüler). Auf über 700 Seiten breitet Asbridge ein Panorama der damaligen Ereignisse aus. Beginnend mit einer Einleitung zur damaligen Zeit - die m. E. aufgrund der starken Verkürzung weniger gelungen ist und in der Interpretation durchaus anfechtbar ist -, folgt eine chronologische Darstellung bis zum Ende der Orientkreuzzüge.

Hervorzuheben ist hier die synchrone Betrachtung bei Asbridge, der durchaus ein Kenner der Materie ist und die Quellen (die in den letzten Jahren auch verstärkt übersetzt wurden) gut ausgewertet hat. Sowohl der christlichen als auch der arabischen Sicht der Dinge wird versucht Rechnung zu tragen, was ein lobenswerter Ansatz ist. Ärgerlich ist nur, dass manche der (recht reichlichen und auch lobenswerten) Quellenzitate nicht genau belegt sind - man wüsste gerne die entsprechende Quellenausgabe oder wenigstens den teils ungenannten Autor. Ansonsten ist die Schilderung aber sehr gut gelungen und ausreichend durch Anmerkungen belegt, in denen auch die neuere Sekundärliteratur verarbeitet wurde.

Asbridge scheint sich an Runcimans Epos gehalten zu haben, das wissenschaftliche Gründlichkeit mit Schreibstil verbunden hat. Asbridge ist ähnlich ausführlich, zu kritisieren ist jedoch, dass zwar die (wichtige) politische Geschichte sehr breit ausgeführt wird, der Strukturgeschichte aber erkennbar wenig Raum zugestanden wurde, was bisweilen bedauerlich ist. Die Wirtschafts- und Kulturgeschichte gerät dadurch etwas unter die Räder, wenngleich sie auch am Rande angesprochen wird. Allerdings ist dies eine Abwägungsfrage, zumal Settons Werk (A History of the Crusades) dies angemessen berücksichtigt - und dieses sogar kostenlos online zugänglich ist.

Zu loben ist bei Asbridge - neben der gut lesbaren und weitgehend sehr zuverlässigen Darstellung - aber vor allem der Ansatz einer möglichst "gerechten" Beurteilung, wobei er auch aktuelle Kontroversen bezüglich der Rezeption der Kreuzzüge berücksichtigt und erkennbar darum bemüht ist, eine möglichst verständliche Darstellung und Interpretation (die teilweise freilich auch anfechtbar ist, etwa bezüglich der Bedeutung der Kreuzzüge allgemein) zu bieten - die alles in allem durchaus gelungen ist und zudem faktisch kein oder nur wenig Vorwissen voraussetzt.
Fazit
Dem Leser wird durch die breite Schilderung von Asbridge ein sehr plastisches Bild der Ereignisse vermittelt, das freilich in Details angreifbar ist, aber dies gilt für faktisch jede historische Darstellung. Der Stil der Darstellung ist allgemein flüssig und gut lesbar, manche Formulierungen wirken aber um des Leseeffekts wegen etwas zugespitzt ("Der Horror der Befreiung"), was freilich eine Geschmacksfrage ist. Dennoch mindert dies nicht das Lesevergnügen, denn Asbridge ist nicht nur ein guter Historiker, sondern auch ein recht guter Autor - was leider nicht die Regel ist, obwohl die Vermittlung von Wissen eigentlich auch auf letzteren Aspekt einen gewissen Wert legen sollte.

Zu loben ist neben den vorhandenen inhaltlichen Qualitäten ebenfalls die von Klett-Cotta gewohnt gute Aufmachung des Buches, mit angenehmen Schriftbild. Dem Werk sind daher viele Leser zu wünschen, die aber Zeit mitbringen müssen und sich darüber im Klaren sein sollten, dass in Einzelfragen andere Interpretationen vorhanden und auch möglich sind.
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Vorgeschlagen von B. Kiemerer [Profil]
veröffentlicht am 30. November 2010

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