Denis Thériault: Das Lächeln des Leguans

Das Lächeln des Leguans

Verlag: dtv [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-423-24823-5

Preis: 12,90 Euro bei Amazon.de [Stand: 04. Dezember 2016]
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Wer in Kanadas Norden über die Stränge schlagen will, brettert mit dem Motorschlitten durch die verschneite Landschaft. Schneemobilitis nennt der elfjährige Ich-Erzähler die Sucht nach Geschwindigkeit, an der sein Vater litt und die ihn das Leben kostete. Seit dem Unfall mit dem Scooter liegt die Mutter im Koma. Der kleine Sohn verdankt sein Leben dem Lesen; denn am Tag des Unfalls konnte er sich nicht von seinem Buch trennen und war zuhause geblieben. In einem Dorf am Nordufer des St. Lorenz-Stroms gegenüber der Île aux Oeufs betreuen nun die Großeltern ihren Enkel, der von verstörenden Alpträumen verfolgt wird.

Die Begegnung mit Luc, seinem neuen Klassenkameraden, versetzt das elternlose Kind in eine neue Welt. Luc verschlingt dicke Schmöker über Meeresbiologie und sondert sich auch sonst gern von den Gleichaltrigen ab. Sein Idol ist Jacques Cousteau, sein Traum eine Taucherausrüstung. Luc haust mit seinem gewalttätigen Vater in einem Wohnwagen, zwischen Hummerfallen und Teilen von ausgemusterten Bootsmotoren. Zerlumpte Kinder wie Luc sind in den Familien des Dorfes als Spielkameraden nicht gern gesehen. Lucs Mutter verschwand eines Tages. Ob sie fortgezogen oder beim Schwimmen ertrunken sein könnte, darüber wird im Ort nur hinter vorgehaltener Hand getuschelt. Die beiden Jungen fühlen sich durch ihre Mutterlosigkeit miteinander verbunden. Luc lädt seinen neuen Freund in sein Universum am Strand. Er hat sich in einer gewaltigen Höhle eingerichtet, in der er einen ausgestopften Leguan als Verbindung zur Welt der Ozeane hält. Der Leguan ist Lucs Medium, mit dessen Hilfe er in die Welt der Träume übertritt - immer auf der Suche nach seiner Mutter. Die Oma des Icherzählers ist mit Lucs Äußerem zwar nicht einverstanden, springt trotzdem über ihren Schatten und lädt den Jungen zu sich ein. Bald wird klar, dass Luc gute Gründe hat, über die Verhältnisse im väterlichen Wohnwagen zu schweigen. Luc kann sich nichts Schlimmeres vorstellen, als dass das Jugendamt ihn fern des Meeres in eine Pflegefamilie geben würde.

Während der Erzähler immer wieder den Unfall seiner Eltern im Traum durchlebt, nimmt Luc ein ehrgeiziges Projekt in Angriff: er will die Mutter seines Freundes aus dem Koma wecken. Eine Mutter im Koma ist wenigstens eine Mutter; Luc scheint den Kampf um die schwer verletzte Frau stellvertretend für seine eigene Muttersuche zu führen.

Ein "kathodisches Zischen schlaftrunkenen Wassers" - der altkluge Erzähler der ersten Szenen des Buches schreibt und zeichnet sich im Laufe der Handlung frei. Mit Unterstützung seiner Großmutter - eine Person wie sie wäre im wirklichen Leben der Wunschtraum jedes verlassenen Kindes - entwickelt sich eine Kinderfreundschaft, die von der Kraft der Träume getragen wird. Ihre Traumwelt dient beiden Jungen zur Bewältigung von Verlusten. Doch Luc, in dessen Leben die Lebensräume Luft und Wasser nahtlos ineinander überzugehen scheinen, muss noch einen Schritt weiter gehen.
Fazit
Denis Thériault, der selbst von der Nordküste des St. Lorenz stammt, legt nach Siebzehn Silben Ewigkeit mit Das Lächeln des Leguans den kraftvollen, märchenhaften Roman einer Kinderfreundschaft vor.
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne

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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 22. November 2010

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