T. A. Wegberg: Herzbesetzer

Herzbesetzer

Verlag: dead soft verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-934442-56-6

Preis: 14,95 Euro bei Amazon.de [Stand: 27. September 2016]
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Auf der Rückfahrt von der Disco war Julian am Steuer eingeschlafen und baute einen Unfall, den sein jüngerer Bruder Benjamin nicht überlebte. Seitdem herrscht in der Familie Trojan eisiges Schweigen. Julian ist inwischen 24 Jahre alt und aus Neuruppin nach Berlin gezogen. Als seine Mutter ihrem Ältesten verkündet, die Familie habe sich beim Jugendamt um ein Pflegekind beworben, verschlägt die Mitteilung Julian die Sprache. Was seine Eltern ihm da kurze Zeit später vorstellen, ist kein Kind, sondern ein Westentaschenpunk, findet Julian. Anoki hat mit seinen Eltern bisher in besetzten Häusern gelebt, so lange bis die Eltern ihn eines Tages an einer Autobahnraststätte stehen ließen und einfach verschwanden. Julian steht die Pubertät höchstpersönlich gegenüber mit Dreadlocks, Nietenhalsband und "subversiven Zubehörteilen", erprobt darin, andere zu provozieren. Schlimmer, der Pflegebruder ist 14, genau so alt wie Benjamin bei seinem Tod. Anoki wird in Neuruppin kein Bein an die Erde bekommen, fürchtet Julian, vielleicht werden seine Kinder hier mal anerkannt. Er hasst diesen plötzlichen Familienzuwachs vom ersten Tag an und badet im Selbstmitleid. Doch Anoki hat eine sehr persönliche Sicht auf Benjamins Tod, die Julian gut tut, er ist einfühlsam, witzig und nicht so schnell zu beleidigen. Seine neuen Pflegeeltern ignoriert Anoki völlig, der Junge hat nur Augen für seinen großen Bruder - doch Julian lebt und arbeitet in Berlin. Bald ist nicht zu übersehen, dass Anoki säuft, kifft und regelmäßig große Geldbeträge ausgibt, die sein Taschengeld weit übersteigen. Die gutmütige Familie Trojan ist mit einem Jugendlichen völlig überfordert, der nie regelmäßig zur Schule ging, keine Regeln akzeptiert und die Gefühle anderer souverän ignoriert, wenn es ihm nützt. Allein Julian hat einen minimalen Einfluss auf seinen Pflegebruder, der inzwischen bei jeder Gelegenheit in Berlin auftaucht und sich in Julians Leben einnistet. Aus Julians anfänglicher Abneigung wird innige Zuneigung, die Anoki in der Rolle des armen Heimkindes schamlos ausnutzt. Wer so bewundert wird wie Julian, ist blind dafür wie geschickt er manipuliert wird.

Warum hängt Julian sich in diese Sache so rein, fragt man sich, allein seine Eltern sind doch erziehungsberechtigt für den Pflegesohn. Julian findet Anoki nicht nur niedlich, er muss sich schockiert eingestehen, dass Anoki ihn sexuell erregt. Sex mit einem Vierzehnjährigen ist für Julian ein absolutes Tabu, außerdem hat er bisher stets Beziehungen zu Frauen gehabt. Eine heikle Situation zwischen den Brüdern, die Anoki mit Straftaten, Schulproblemen und seinem kriminellen Lebenswandel auf die Spitze treibt. Als die Probleme mit Anoki schon völlig aus dem Ruder gelaufen sind, zieht Julians Mutter endlich die Notbremse, allerdings ganz anders als die drei Männer erwartet haben. Julian hat sich Hals über Kopf in die allein erziehende Mutter Judith verliebt und muss endlich mal Nägel mit Köpfen machen. Ein Gespräch mit dem Jugendamt und Anokis Lehrern steht an. Entweder akzeptiert Anoki Judith - oder er muss wieder ins Heim zurück.

Die ungewöhnliche Ausgangssituation der Geschichte, dass Geschwister, die nicht miteinander verwandt sind, auf sich allein gestellt sein können und sich in dieser Situation einer in den anderen verliebt, beschreibt T. A. Wegberg sehr glaubwürdig. Knapp vierhundert Seiten Dialoge, mitten aus dem Leben Pubertierender gegriffen, werden in Herzbesetzer leider nicht konsequent durch Handlung getragen. Dass der anhängliche Kindergartenpunk mit dem Appetit eines Pubertierenden Julian finanziell ruinieren wird, war nach wenigen Seiten klar und wurde für meinen Geschmack zu breit ausgewalzt. Schon am Anfang fragt man sich, welcher sozialpädagogische Berufsanfänger einen so schwierigen Jugendlichen an eine unvorbereitete, pädagogisch nicht vorgebildete Familie vermittelt, die zu allem Überfluss noch ein Kind im gleichen Alter betrauert. In der weiteren Handlung fällt es schwer, zu glauben, dass es im Großraum Berlin keine Unterstützung für die Pflegeeltern geben soll. Julians Eltern huschen farblos und kommunikationsunfähig durchs Bild, auch die bodenständige, liebevolle Judith darf leider nur eine Nebenrolle spielen. Durch die sehr zurückhaltend gezeichneten Nebenfiguren steht die symbiotische Beziehung der Brüder dominant im Mittelpunkt.
Fazit
T. A. Wegberg hat in Memory Error gezeigt, dass er gnadenlos komische Dialoge verfassen kann. In Herzbesetzer trifft er den Ton seiner jugendlichen Helden wieder auf den Punkt. Mit Julian und Anoki erlebt man als Leser ein Wechselbad der Gefühle und wünscht sich so manches Mal, Julian würde seinen Plagegeist ein paar Tage in Jugendarrest verbringen lassen, anstatt ihm jedes Mal wieder eloquent aus der Patsche zu helfen. Begeistert hat mich der lässig-süffisante Ton, mit dem Wegberg erzählt und wie taktvoll er den erotischen Anteil der Beziehung zwischen Julian und Anoki beschreibt.
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne
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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 20. Oktober 2010

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