James Howard-Johnston: Witnesses to a World Crisis: Historians and Histories of the Middle East in the Seventh Century

Witnesses to a World Crisis: Historians and Histories of the Middle East in the Seventh Century

Verlag: Oxford University Press [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-0-19-920859-3

Preis: 121,72 Euro bei Amazon.de [Stand: 25. September 2016]
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Der bis vor kurzem noch in Oxford lehrende James Howard-Johnston ist ein angesehener Experte für die ausgehende Spätantike und besonders für das frühe 7. Jh. Mit dieser Darstellung legt er eine umfassende quellenkritische Studie vor, die - wie ich vermuten möchte - wohl bald als einschlägiges Standardwerk für die Zeit von ca. 600 bis 700 für den östlichen Mittelmeerraum gelten dürfte.

Dieser Zeitraum war geprägt von dramatischen Umwälzungen, die einen tiefen Einschnitt in der Geschichte der Mittelmeerwelt bedeuteten. Zu Beginn des 7. Jh. tobte der "letzte große Krieg der Antike" zwischen dem oströmisch/byzantinischen Reich und dem neupersischen Sasanidenreich. Kurz nach dem Sieg Ostroms über den alten Erzfeind Persien, brachen die Araber, die sich zu dem neuen Glauben des Islam bekannten, in die römischen Orientprovinzen ein und entrissen Konstantinopel die Kontrolle über Ägypten, Syrien und Nordafrika. Byzanz war auf ein Rumpfgebiet beschränkt, das die heutige Türkei, Teile der Balkanhalbinsel und Griechenland sowie einige Stützpunkte in Italien und Sizilien umfasste. Während Persien vollständig von den Arabern erobert wurde, konnte sich Byzanz zwar mit Mühe halten. Es war jedoch das endgültige Ende der Antike und der Beginn einer neuen Zeit, die geprägt war von einem jahrelangen Abwehrkampf der Byzantiner, so dass man aus byzantinisch-christlicher Sicht diese Periode durchaus als "Weltkrise" verstehen konnte. Die arabisch-islamischen Eroberungen beendeten für alle Zeiten die antike-kulturelle Einheit des Mittelmeerraums, während im Osten eine neue Kultur entstand.

Nicht zuletzt im Hinblick auf manch heutige, von beiden Seiten bisweilen hysterisch geführten Debatte, der oft das historische Fundament fehlt, lohnt es sich, diese Zeit genauer zu betrachten, in der eine neue Weltreligion entstand und gleichzeitig eine Epoche der Weltgeschichte endete. Ein Grundproblem der behandelten Zeit stellt allerdings die Quellenlage dar: nur wenige Werke berichten über diesen Zeitraum, zudem ist ihre Zuverlässigkeit nicht selten problematisch und der Verlauf vieler Ereignisse ist nur relativ wage bekannt.

Howard-Johnston verwendet den Großteil seiner Arbeit darauf, eben diese Quellen dem Leser vorzustellen. Dazu zählen Werke, die selbst nicht allen Historikern immer bekannt sind, wie ein armenisches Geschichtswerk, das einem gewissen Sebeos zugeschrieben wird; die monumentale Universalgeschichte des Perso-Arabers Tabari; christliche Universalchroniken sowie heute verlorene Werke. Howard-Johnston untersucht diese Werke kritisch und ordnet sie in den geschichtlichen Kontext ein. Erst am Ende seines Werks bietet er eine Synthese und präsentiert eine historische Rekonstruktion der Ereignisse. Dabei gelangt er teils zu bemerkenswerten Ergebnissen: so datiert er die Ermordung Alis, des Schwiegersohns Mohammeds, nicht wie bisher üblich ins Jahr 661 (christl. Zeitrechnung), sondern ins Jahr 658 (S. 382f.) oder führt die Ermordung des byzantinischen Kaisers Constans II., von ihm datiert ins Jahr 669 und nicht wie sonst üblich ins Jahr 668, auf eine vom Hof in Damaskus initiierte Verschwörung zurück (S. 126). Ob man diese Thesen teilt oder nicht, die Leistung des Autors, der die relevanten Quellen und modernen Werke (diese allerdings nicht lückenlos, was aber auch kaum möglich ist) herangezogen hat, ist beachtlich und anerkennenswert.
Fazit
Es bleibt abzuwarten, ob sich Howard-Johnston mit mehreren seiner Thesen durchsetzen wird. Sicher ist, dass er mit diesem Werk eine sehr interessante, quellenkritisch fundierte Studie vorgelegt hat, die der Forschung wohl neue Impulse geben wird und die zudem auch anregend zu lesen ist. Auch Leser, denen die behandelte Zeit fremd ist, sollten bei Interesse einen Blick riskieren, denn Howard-Johnston bedient sich eines gut lesbaren Stils und setzt nur punktuell auf Vorwissen.

Festzuhalten ist, dass mit dem vorliegenden Werk die Geschichte des 7. Jh.s im östlichen Mittelmeerraum auf ein neues, besser abgesichertes Fundament gestellt wird. Auch wenn manche Ergebnisse wohl Kritik ernten werden, so wird die wissenschaftliche Diskussion davon sicherlich nur profitieren können.
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Vorgeschlagen von B. Kiemerer [Profil]
veröffentlicht am 16. Oktober 2010

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