Tom Rachman: Die Unperfekten

Die Unperfekten

Verlag: dtv [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-423-24821-1

Preis: 14,90 Euro bei Amazon.de [Stand: 26. September 2016]
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Der Amerikaner Lloyd beschreibt das Paris, das er aus seinem Fenster sieht, im Stil großer Reportagen der 60er Jahre. Als freier Journalist hat der alte Haudegen seine Texte jahrzehntelang an Zeitungsredaktionen verkauft. Die Rechnung des 70-Jährigen ist einfach: wenn er in dieser Woche keine Story verkauft, muss er seine Wohnung kündigen und bei einem seiner Kinder zum Bittsteller werden.

Tom Rachman erzählt seinen Roman aus dem Zeitungsmilieu in Episoden und aus einem Dutzend Perspektiven. Die Wege aller seiner Figuren kreuzten sich vor Jahrzehnten oder tun es gerade in der Gegenwart. Sie waren Kollegen in der Redaktion einer englischsprachigen Zeitung in Rom, Konkurrenten, Liebhaber, Familienangehörige. Cyrus Ott hatte 1954 als sein italienisches Abenteuer die Zeitung gegründet, die damals bis nach Australien versendet wurde. Unter Chefredakteur Marsh wurde im selben Haus geschrieben und gedruckt; das Poltern der riesigen Papierrolle gehörte zur täglichen Geräuschkulisse. Nach Cyrus Tod zahlt Bruder Charles weiter für die Zeitung, Cyrus Sohn Boyd übernimmt die Geschäftsführung, obwohl er vom Metier keine Ahnung hat. Eine Zeitlang genießt die Zeitung international einen guten Ruf, erwirtschaftet Gewinne, wird sogar zum Karrieresprungbrett für junge Kollegen.

Ein halbes Jahrhundert später ist inzwischen die dritte Generation von Otts am Ruder. Der Mutter-Konzern in den USA steckt in einer Krise; die Zeitung ist ein Verlustgeschäft, sie kann kaum junge Leser gewinnen, die wenigen Abonnenten werden immer älter. Als Informationsquelle aus der Heimat für Menschen auf den Außenposten unserer Zivilisation hat das Blatt längst ausgedient. Mitte der 90er sinken weltweit die Leserzahlen, dem Unternehmen fehlt eine kompetente Führungspersönlichkeit. Oliver Otts Job wäre es nun, eine Marktanalyse in Auftrag zu geben und Ziele für die Zukunft des Blatts festzulegen. Ein Faktotum, wie damals Arthur Gopal (zuständig für die Rätselseite und Nachrufe auf Prominente), den Korrektor Herman Cohen mit seinem hauseigenen Stilführer oder gar einen Korrespondenten in Kairo kann sich das Blatt mit Sicherheit nicht mehr leisten. Doch Oliver, der außer Kunstgeschichte nichts kann, interessiert sich nicht für die Zeitung seiner Familie.

Tom Rachmann, der als Auslandsskorrespondent für Associated Press arbeitete, hat aus der Sicht des Journalisten eine ungewöhnliche Studie des Zeitungsmilieus verfasst. Er entlarvt Lebenslügen und chaotisches Privatleben seiner Figuren, die sich hauptsächlich innerhalb einer amerikanischen Enklave in Rom aufhalten. Nach jahrelangem Leben im Ausland stellt mancher resiginiert fest, dass Italiener am liebsten unter sich bleiben und Italien keinen Traumpartner bereitgehalten hat. Wer in Rom scheitert, muss in ein inzwischen fremd gewordenes Amerika zurückkehren. Rachmann hat einen Blick für Menschen, die offenbar nur auf der Welt sind, um andere zu nerven. Seine schwierigen Charaktere, die man sich nur schwer im Alltagsgeschäft einer Tageszeitung vorstellen kann, stellt der Autor mit Anteilnahme und subtilem Humor dar.
Fazit
Die für manchen Leser ungewohnte Aneinanderreihung von Episoden aus fünf Jahrzehnten vermittelt ein treffendes Bild des Strukturwandels im Bereich der Printmedien. Rachman zeigt auf unterhaltsame Art, dass eine Zeitung weit mehr ist als ein Bilanzposten, Zeitungmachen mehr als ein Job - es ist eine Leidenschaft.
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne

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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 10. Oktober 2010

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