Bernhard Sinkel: Augenblick der Ewigkeit

Augenblick der Ewigkeit

Verlag: Albrecht Knaus Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-8135-0371-5

Preis: 1,54 Euro bei Amazon.de [Stand: 04. Dezember 2016]
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Sehnsüchtig und Getrieben

Kurz vor seinem 80. Geburtstag fliegt der weltbekannte und größte aller Dirigenten, Karl Amadeus Herzog zu einer Probe in New York ein. Pünktlich zu seinem 80. Geburtstag will er wagen, was noch nie zuvor ein Dirigent umgesetzt hat. Das Philharmonie Orchester aus der Ferne über eine Sattelitenübertragung dirigieren und damit nachweisen, dass von jedem Platz der Welt aus ein Genie wie er die Musiker zu Höchstleistungen zu bringen vermag.

Das ist nur einer seiner "Augenblicke der Ewigkeit", auf die er Zeit seines Lebens hingestrebt hat. Musikalisch begnadet, aber menschlich in vielfacher Form mit Brüchen und Schatten versehen, geht Karl Amadeus Herzog seinen Weg durch das 20. Jahrhundert, die Musikgeschichte, vor allem aber durch seine menschlichen Dramen und poltischen Verflechtungen. Ähnlich wie Klaus Manns Mephisto ist er nämlich eine jener begnadet-dämonischen Personen, die nichts anderes betrachten und verfolgen können als das, was in ihnen schwelt und dafür bereit sind, jeden Preis zu bezahlen.

So bereits ahnt es der Leser zu Beginn des Buches. Mit dem Sohn zerstrittender keinen Kontakt mehr zu seinem Vater wünscht. Sein Vater, der ihm, dem Sohn, die Frau ausgespannt hat und den er nur mehr zynisch als "Görings Hofkapellmeister" tituliert.

Doch in New York geschieht etwas. Wie Aussetzer erlebt es Herzog, teilweise überkommt ihn auch echte Ohnmacht und in solchen kurzen Momenten brechen die Erinnerungen mit Macht über ihn hinein. Daran, wie sein Vater vor ihm erschossen wurde, als er Kind war. Daran, wie Franziska, seine Kindheitsfreundin, an ihn glaubte. Daran, dass sein Getrieben Sein auch damit zu tun haben könnte, dass er den Rum nicht für sich, sondern für seinen Vater wollte, seine lebenslange Anerkennungssucht in jenem Trauma aus der Kindheit zu finden ist. Und so begleitet der Leser Karl Amadeus Herzog durch sein äußerlich und innerlich außerordentliches Leben in der Erinnerung des musikalischen Genies, durchbrochen immer wieder von der Gegenwart, in der all diese Erinnerungen beginnen, zusammen zu kommen und vielleicht zu einer Veränderung der Person führen könnten.

Ein Trauma der Kindheit, das allerdings bei weitem nicht alle Brüche zu erklären vermag. Denn genauso intensiv, wie er sich mit Menschen, die er begehrte oder zu nutzen vermochte, zusammentat auf seinem Lebensweg, genauso schnell ließ er all jene fallen, wenn sein Interesse weitereilte, wenn sie ihren Nutzen erfüllt hatten, wenn sie seinem Ruhm im Wege standen. Frauen ließ er zerbrochen zurück, ehemals engste Freunde sprechen nicht mehr mit ihm. Und dennoch ist er, auch jetzt noch, weiterhin ein Getriebener, der den Olymp der Musik für sich in Anspruch nimmt und dem Tod die Ewigkeit des Schaffens gegenüberstellt.
Gehasst, verachtet aufgrund seiner völligen Skrupellosigkeit, völlig in seiner Welt verfangen,

Bernhard Sinkel gelingt ein überzeugendes, tiefreichendes Ausloten seines zwar fiktiven, doch in vielem mit Anklängen an Übergestalten der Musik versehenen Protagonisten. Ein Buch, das in seiner sprachlichen Kraft seltene Augenblick zu gestalten vermag. In der Schilderung des inneren Erlebens des Dirigenten beim Dirigieren wird fühlbar und fassbar, welche Kraft der Musik im hingegebenen Genius sich ausbreitet und welche Leidenschaft solche Menschen vorantreibt, die meist nur von Ferne betrachtet werden können. Ein weiterer Augenblick der Ewigkeit, dem so manche noch folgen.
Fazit
Es macht sich bemerkbar, dass Bernhard Sinkel über einen großen Erfahrungsschatz im Film verfügt und seine Sprache in bester Weise das bildhafte in Worte zu fassen vermag. Ebenso, wie es ihm gelingt, bis in die Nebenpersonen hinein ein fassbares und differenziert gezeichnetes Bild der Charaktere vor Augen zu führen. Wie ein Sog bauen sich durch seine Worte Bilder und Empfindungen auf, die noch lange nachhallen. Ein wunderbares Buch.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne
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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 28. September 2010

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