Anja Jonuleit: Herbstvergessene

Herbstvergessene

Verlag: dtv [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-423-24788-7

Preis: 0,85 Euro bei Amazon.de [Stand: 06. Dezember 2016]
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Familiengeheimnisse

Für jeden Menschen kommt der Moment des Abschieds von den Altvordereren. Bei Maja Sternberg, der Protagonisten des zweiten Romans von Anja Jonuleit, ist dieser Abschied von vielerlei Seiten her besonders belastet, als Ihre Mutter tot aufgefunden wird.

Ein Jahrzehnt ohne Kontakt durch ein Zerwürfnis, vor allem aber durch die verletzende, lebenslang distanzierte Haltung der Mutter Maja gegenüber, steht im Raum. Und gerade nun, als Maja auf dringende Bitte ihrer Mutter zu einem Besuch nach Wien reist, ohne zu wissen, was denn Dringendes wirklich zu besprechen wäre, ist die Mutter tot. Offiziell wird der Sterbefall als Selbstmord behandelt.

Erschüttert und ungläubig beginnt Maja, den Nachlass der Mutter zu ordnen und stößt auf einige massive Ungereimtheiten auch im Blick auf ihre eigene Biographie. In ihrer Geburtsurkunde ist kein Vater eingetragen, dabei ging sie doch bisher fest davon aus, dass ihr Vater im Krieg gefallen war. Ein Bild ihrer Großmutter setzt ein weiteres Puzzlestück in das verflochtene Familiengeheimnis, es zeigt ihre Großmutter mit einem Kleinkind, welches aber der verstorbenen Lilli in keiner Form ähnelt. Ratlos steht Maja vor den merkwürdigen, nur ein kleiner Faden liegt vor Ihren Augen, anhand dessen sie versuchen kann, ihre Familiengeschichte nach zu vollziehen. Auf der Rückseite des Fotos hat Ihre Großmutter handschriftlich den Ort Hohehorst vermerkt. Maja beginnt, nach Spuren ihrer Vergangenheit und der ihrer Familie zu suchen.

Schon bald stellt sich heraus, dass Hohehorst zu Zeiten des dritten reichen eine sogenannte "Lebensborn" Einrichtung war, ein Heim für die "Aufzucht" arischer Kinder, zu deren Zeugung sich arische Mütter zur Verfügung stellten. Damals geleitet von Heinrich Sartorius, der eines Tages spurlos verschwand, Dort trifft Maja auf dessen Sohn Roman Sartorius, zu dem sie sich auf merkwürdige Weise hingezogen fühlt. Schritt für Schritt entschlüsselt sie das Drama der Geschichte ihrer Großmutter und ihres leiblichen Großvaters, versteht mehr und mehr die kühle Haltung und Art ihrer Mutter und gerät in Gefahr, je weiter sie bei der Aufarbeitung des Lebensborns Hohehorst und seiner damals und heute verbundenen Personen vordringt.

Stilistisch erzählt Anja Jonuleit ihre Geschichte auf zwei Ebenen, zum einen in direkter und flüssiger Sprache in der Begleitung Majas, zum anderen als Manuskript der Erinnerungen der Großmutter. So gelingt es hier, den Leser einerseits in die Entwicklungen der Gegenwart mit hinein zu ziehen und andererseits Stück für Stück die Hintergründe dieser Entwicklung und der vorliegenden Geheimnisse zu lüften. Innere und äußere Überraschungen und Entwicklungen, vor allem das sich ändernde innere Verhältnis Majas zur Mutter Lilli versteht Anja Jonuleit, miterlebend zu gestalten und vermittels ihres bildreichen und flüssigen Schreibstils den Leser jederzeit mitten im Geschehen zu halten.
Fazit
Ein Roman zum fast vergessenen und oft nur am Rande erwähnten Thema des "Lebensborns", voller überraschender Wendungen einer zunächst geheimnisvollen Lebensgeschichte, mit nachvollziehbar und lebensecht gestalteter Figuren und einer feinfühlig beschriebenen inneren Entwicklung derselben.
Leichten Schwächen am Ende (der Kriminalanteil fällt gegenüber der eigentlichen Geschichte inhaltlich ein wenig ab) sind angesichts der überzeugenden Geschichte und des eingängigen Sprachstils durchaus verzeihbar.
7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 24. September 2010

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