Tschingis Aitmatow: Der weiße Dampfer

Der weiße Dampfer

Verlag: Unionsverlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-293-20025-8

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
"Der weiße Dampfer" ist ein sehr eindrucksvolles Werk des bekannten kirgisischen Autors. Es behandelt das tragische Schicksal eines siebenjährigen namenlosen Jungen in seinem Heimat-Aul in den kirgisischen Bergen. Die einzige Figur, die den elternlosen Jungen liebt, ist das älteste Mitglied der Pflegefamilie, Momun. Doch der Förster Oroskul, sein Schwiegersohn und dessen Frau schikanieren die beiden Personen. So flüchtet sich der Junge in die Mythen einer längst vergangenen kirgisischen Märchenwelt. Er glaubt an die "Gehörnte Hirschmutter", die die kirgisischen Stämme beschützte und vor der Ausrottung bewahrte. Doch der tyrannische Oroskul, materialistisch eingestellt, glaubt nicht an die Legende und als vor der Försterei plötzlich Marale auftauchen, zwingt der herzlose Förster seinen Schwiegervater, die Maralkuh zu erschießen. Der Schwiegervater, der, um die Eintracht der Familie zu retten und um jedem Konflikt aus dem Wege zu gehen, dem Befehl des Försters gehorcht, betrinkt sich beim Festmahl. Er war zu alt und zu schwach zum Widerstand gegen diese sinnlose Tat. Aus Abscheu und Ekel darüber nimmt sich der Junge das Leben. Er meint damit, seinen eigenen Wunschtraum zu erfüllen: sich in einen Fisch zu verwandeln, durch den Fluß zu schwimmen um seinen Vater zu finden. Dieser ist Matrose auf einem weißen Dampfer, den er finden möchte, um ihn sein Elend zu berichten.
"Der Junge ging. Stieg zum Fluß hinab. Und trat ins Wasser, rannte durch die Untiefe, hastig, glitt aus und fiel hin. Er zitterte unter den eisigen Wasserspritzern, und als er die Stromschnelle erreicht hatte, riß ihm die Strömung den Boden unter den Füßen weg. Er zappelte im wilden Wasser, versuchte zu schwimmen, schluckte Wasser und erstarrte...Du bist weggeschwommen, mein Junge, in dein Märchen. Hast du gewußt, daß du dich nicht in einen Fisch verwandeln, nicht zum Issyk-Kul schwimmen, nicht den weißen Dampfer sehen und nicht sagen würdest: "Guten Tag, weißer Dampfer, ich bin's." Du bist weggeschwommen. Ich kann jetzt nur eines sagen - du hast verworfen, womit sich dein kindliches Herz nicht abfinden konnte. Und das ist mein Trost. Du hast wie ein Blitz gelebt, der einmal kurz aufgeflammt und dann verloschen ist. Aber die Blitze werden vom Himmel gezündet. Und der Himmel ist ewig. Auch das ist mein Trost. Genauso tröstet mich, daß das kindliche Gewissen im Menschen ist, wie der Keim im Samenkorn - ohne Keim geht der Samen nicht auf. Was immer uns auf der Welt erwarten mag, die Wahrheit wird ewig bleiben, solange Menschen geboren werden und sterben...Zum Abschied wiederhole ich deine Worte, Junge: "Guten Tag, weißer Dampfer, ich bin's.""

Dieser hier von mir bewußt ausführlich zitierte Schluß der Erzählung zeigt, wie vieldeutig und mehrdimensional diese wunderbare Novelle Aitmatows ist. Es handelt sich nicht nur um die Konfrontation zwischen Tradition und Moderne, um den Gegensatz zwischen Gut und Böse. Es zeigt die Folgen von Hartherzigkeit und Schuld. Diese Schuld führt zu Verwicklungen, die nie rückgängig zu machen sind, immer Narben hinterlassen. Der Junge lehnt sich kompromisslos gegen Unterdrückung auf, die er nicht ertragen kann - und wählt so den einzig für ihn möglichen Weg, seinem Elend zu entgehen. Jeder andere Schluß wäre meines Erachtens unbefriedigend, da oberflächlich mit einem zwanghaften "Happy end" versehen gewesen. Nein, es gibt hier kein "Happy end" - und dies macht die Botschaft der Erzählung, so zu leben, dass sein eigenes Leben im Einklang mit der Natur steht und immer das eigene Handeln die Würde des Andersdenkenden beachten sollte, um so glaubwürdiger.
Fazit
Ein eindrucksvolles Buch, meines Erachtens Aitmatows bestes Werk überhaupt.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne
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Dshamilija

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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 05. August 2003

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