Jörg Harlan Rohleder: Lokalhelden

Lokalhelden

Verlag: Piper Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-492-05384-6

Preis: 0,48 Euro bei Amazon.de [Stand: 08. Dezember 2016]
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Erwachsenwerden in der Provinz

Nicht, dass es nicht schon hart genug war, in der schwäbischen Provinz seine wilden und nach Orientierung suchenden Jahre der Jugend verbringen zu müssen, zudem geschieht dies in diesem Buch auch in den lethargischen 90er Jahren des letzten Jahrhunderts, in denen der Grunge mit all seinen nirwanesken Zweifeln und depressiven Betrachtungen des Lebens die Mentalität des geistigen Zeitgeschehens ausdrückt und mit bestimmt.
Als dann auch noch mit Kurt Cobain der letzte Held jugendlichen Aufbegehrens von eigener Hand stirbt, bleibt wirklich kaum noch etwas im Raum, an dem Sich Träume und Leidenschaften entzünden könnten.

Eine Stimmung, die orientierungslos durch die Zeiten torkelt. Mittendrin der clevere Schmall, der erwachsen werdende Protagonist Rohleders mit seinen Freunden.
Vom ersten Besuch in der sagenumwobenen Rockerkneipe (einen Tag vor Heiligabend) samt der umgehend folgenden Alkoholvergiftung und einer Mutter, die nach 15 Jahren ob des fehltretenden Sohnes das erste Mal wieder einen Gottesdienst besucht, über das kleine Vergnügen einer gut gerauchten Bong und anderen zeitvertreibenden Lebenswichtigkeiten reichen die ertastenden und experimentierenden Aktionen der Freunde, von denen so manche wirklich keine sonderlichen Leuchten sind.
Und dies letztlich in einer Umgebung, in der ständig "alles ist, wie immer". Tag für Tag, Abend für Abend und mit dieser Gleichförmigkeit und einem guten Teil auch an Perspektivlosigkeit gelingt es dem Buch, das quasi "Wegdämmern" einer ganzen Generation in wunderbarer Sprache in den Raum zu stellen.

Mehrfach tauchen diese perspektivlosen Schlüsselelemente im Verlauf des Romans ausgesprochen auf, immer schwingen sie im Hintergrund mit. Leergezockt und plattgeraucht wird im Gespräch Schmalls mit seinem Freund Wolle deutlich, dass trotz heranrückenden Abiturs und einer Welt, die offiziell mit allen Möglichkeiten weit offen stehen soll, nichts an Idee oder Traum tatsächlich mehr im Raume steht. Ein Jahr Zivi erst mal, ein Jahr "bezahlter Absturz", feiern, tanzen, glücklich sein und dann vielleicht Hausmeister, dass sind die wahren Perspektiven. So verwundert es nicht, dass der ein oder andere des Freundeskreises Seite für Seite mehr einem tatsächlichen Lebensabsturz bis zum Gefängnisaufenthalt entgegen geht.

Erzählt wird die ganze Geschichte aus der Rückschau Schmalls, der nach einem kurzen Aufenthalt im Ausland nach Hause zurückkehrt und merkt, dass bereits diese kurze Abwesenheit ausgereicht hat, einen endgültigen, inneren Schlussstrich unter die Jugendjahre zu ziehen.

In wunderbare treffender Sprache, die die emotionalen Tiefen und Höhen der Protagonisten beständig spürbar in den Raum stellt, gelingt Jörg Harlan Rohleder in seinem Debütroman ein fast schmerzlich spürbares Erfassen und Darstellen der 90er Jahre mit ihrer fortschreitenden, lähmenden Perspektivlosigkeit für jene, die in diesen Jahren heranwuchsen.
Selten gelingt es einem Autor, seine Personen und deren Umfeld in solch treffender, oft in nur kurzen Sätzen skizzierter, Art und Weise auf den Punkt heraus zu arbeiten, ohne dass irgendjemand (oder irgendetwas) konstruiert wirkt.

Die spießigen Eltern, die wenig motivierten Lehrer, die zumindest keine innere Leidenschaft zu vermitteln verstehen und mittendrin die Jugend, die von verzweifelt bis lakonisch die Tage verstreichen lässt und schon früh die Sinne sich lieber vernebelt, als allzu genau mit klarem Kopf das Geschehen zu betrachten.
Fazit
Handwerklich, sprachlich und in seinen treffenden Aussagen, die im Geschehen des Buches immer in bester Weise fühlbar in den Raum treten ein ganz hervorragendes Buch und ein ebenso hervorragender Blick auf eine der letzten weitgehend krisenlosen Zeiten der jüngeren Vergangenheit.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 26. August 2010

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