Robert Skidelsky: Die Rückkehr des Meisters: Keynes für das 21. Jahrhundert

Die Rückkehr des Meisters: Keynes für das 21. Jahrhundert

Verlag: Verlag Antje Kunstmann [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Politik
ISBN-13 978-3-88897-647-6

Preis: 19,90 Euro bei Amazon.de [Stand: 27. September 2016]
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Das hier zu besprechende Buch über den Wirtschaftswissenschaftler John Maynard Keynes (1883-1946) von Robert Skidelsky versucht, die aktuelle Wirtschafts- und Finanzkrise mit Hilfe der Lehre von John Maynard Keynes zu erklären. Skidelsky ist ausgewiesener Experte über Leben, Werk und Wirkung des bekannten Ökonomen und hat bereits in den 1980-ger Jahren eine dreibändige Biographie über sein Leben vorgelegt. Im Zuge der aktuellen Krise hat Gerald Braunberger von der Renaissance des Krisenökonomen" gesprochen. Ist das Werk von Keynes geeignet, die derzeitige Krise zu bewältigen und ihre Ursachen verständlich zu machen?

Die Antwort von Skidelsky lautet: ja, dies ist sie. Keynes gilt als Begründer der sogenannten Nachfragetheorie. Er stellte in den 1930-ger Jahren im Zuge der damaligen Weltwirtschaftskrise die These auf, Ursache der Krise seien nicht mangelnde Angebote, sondern fehlende Kaufkraft und Investitionen. Der Staat müsse - notfalls durch Inkaufnahme von begrenzter Verschuldung, die in guten" Zeiten wieder abzubauen sei - Nachfrage schaffen und Investitionen tätigen.

Skidelsky weist nun nach, dass dies zwar in der Tat ein wichtiger Gedanke von Keynes gewesen sei und zur Lösung der damaligen Krise beigetragen habe. Dies sei aber niemals der Kernpunkt der Keynschen Theorie gewesen. Wichtigster Aspekt seiner Theorie der sogenannten unsicheren Erwartungen" gewesen. Die subjektive Einschätzung der Zukunft durch alle Wirtschaftsteilnehmer präge das wirtschaftliche Leben. Nur, wenn Investoren ihre Investititionen für gewinnbringend halten, werden sie investieren. Keynes zufolge ist es fundamentale Unsicherheit", die Volkswirtschaften instabil mache und eine rasche Erholung von den Erschütterungen" vermeide. Dieser Denkansatz steht in diamentralem Gegensatz zur Theorie der rationalen Erwartungen", die von der sogenannten klassischen Theorie vertreten wurde - aber zum Verdruss von Skidelsky auch von Neo-Keynesianern übernommen worden sei. Nur wer die Psychologie der Marktteilnehmer in den Blickpunkt der Aufmerksamkeit rücke und auch unerwartetetes", irrationales Verhalten aller am Wirtschaftsprozess Beteiligten berücksichtige, erkenne, dass die Instabilität des Finanzsystems im Kern durch fundamentale Unsicherheit" der Volkswirtschaften geprägt worden sei. Dies sei die wahre Ursache der Instabilität des Finanzsystems. Insofern sei Keynes Theorie geeignet, die Ursachen der derzeitigen
Krise zu erklären. Keynes biete - so Skidelsky - damit eine hilfreiche Anleitung zum Verständnis der tiefen Rezession, in der wir uns derzeit befänden und zeige Wege auf, wie wir aus der Wirtschaftskrise wieder herausfinden könnten.

Dies sind die wichtigsten Thesen von Skidelsky. Das Buch ist durchaus interessant zu lesen, weil es mit einigen Vorurteilen über Keynes aufräumt, etwa der, Keynes sei ein Befürworter von Haushaltsdefiziten oder Inflation. Keynes war keineswegs der Steuer- und Ausgabenfanatiker, als der er oftmals hingestellt werde. Ebenso wenig sei Keynes der Meinung gewesen, Arbeitslosigkeit sei ausnahmslos die Folge einer zu geringen Gesamtnachfrage, sondern auch auf zu unflexible Lohn- und Preisstrukturen zurückzuführen. Keynes war aber - im Gegensatz zu den klassischen Ökonomen" in der Tradition von Adam Smith davon überzeugt, dass in einem sich selbst überlassenen Marktsystem tiefe Einbrüche immer möglich seien und dem Staat daher auf Dauer die Rolle zukomme, solche Einbrüche zu verhindern.

Was mich an dem Werk jedoch stört, ist, dass Keynes Lehre zu unkritisch betrachtet wird. Einwände, ob Keynes Denkansatz zur Lösung der Bankenkrise taugt, werden m.E. nicht ausreichend berücksichtigt. So schrieb der Finanzjournalist Lucas Zeise in seinem hervorragenden Buch: Ende der Party: Die Explosion im Finanzsektor und die Krise der Weltwirtschaft", der Keynesianismus sei nicht geeignet, die Ursachen der Krise zu beheben, weil der Staat in der Lage sei, antizyklisch zu handeln und Nachfrage zu schaffen, nicht jedoch der einzelne Konsument, der über zu wenig Kaufkraft verfüge. Konsumenten könnten nicht antizyklisch" reagieren: Wenn die Preise sinken und die Konjunktur kippt, können sie keinesfalls mehr Schulden aufnehmen. Bei sinkenden Immobilienpreisen hilft es auch nicht, das Wohnhaus zu verkaufen, um sich zu entschulden" (Lucas Zeise). Insofern bleiben Zweifel, ob Keynes Vorschläge wirklich geeignet sind, die Ursachen der Krise zu benennen und sie damit wirkungsvoll zu bekämpfen. Gerald Braunberger und Max Otte haben in ihren Werken auch zu recht die Frage erörtert, ob Keynes oder der amerikanische Öknonom Hyman Minsky, dessen Krisenzyklen-Theorie den Verlauf der derzeitigen Krise exakt beschrieben hat, nicht der eigentliche Krisenökonom" ist. Minskys Krisentheorie sagte Spekulationsblasen an Vermögensmärkten wie Aktien als Folge zu großzügiger Kreditvergabe voraus. In langen Zeiten wirtschaftlichen Wachtums verlören Banken, Unternehmen und Konsumenten das Gefühl für Risiko und begännen, von der Gier nach immer höheren Gewinnen getrieben, sich in gewagte Finanzierungen zu stürzen. Finanzierungsprozesse in Marktwirtschaften führten dazu, dass sich robuste Finanzierungsstrukturen während des Booms in risikoreiche und störungsanfällige Finanzierungsstrukturen verwandelten. Dabei würden Banken eine umso riskantere Kreditpolitik betreiben, je mehr sie darauf bauen könnten, in einer anschließenden Krise vom Staat - sei es durch die Notenbank oder die Regierung oder beide - gerettet zu werden.

Wie man auch immer die Theorie von Minsky beurteilen mag: der Name dieses bedeutenden Ökonomen taucht in Skidelskys Werk überhaupt nicht auf. Dabei ist
seine Theorie - wie oben gezeigt wurde - sehr wohl in der Lage, die aktuelle Krise zu erklären.

Dennoch lohnt sich die Lektüre des Werkes von Keynes und zwar aus folgenden Gründen:

1. Keynes war ein Pragmatiker, der die Welt so sehen wollte, wie sie war. Er war kein Ideologe und bereit, Neues aufzunehmen und seine Ansichten gegebenenfalls zu ändern.
2. Er hat das Bewußtsein geschärft, dass Ökonomik eine Sozialwissenschaft mit dem Zweck ist, das Leben der Menschen zu verbessern. Für ihn als Moralist stand im Hintergrund stets die Frage nach dem Sinn und Zweck der Wirtschaft und Keynes lehnte praxisferne" Theorien in Elfenbeintürmen vehement ab.Mathematisch konzipierte Modelle sollten einfach und realitätsnah bleiben und kein Selbstzweck sein.
3. Eine Marktwirtschaft besitzt eine beachtliche Fähigkeit zur Selbstregeneration. In schweren Krisen kann sich der Staat jedoch gezwungen sehen, Vertrauen zu schaffen. Expansive Geld- und Finanzpolitik kann in diesem Fall ein sinnvolles Instrument sein, Krisen zu lösen. Sie taugt aber nicht als Allheilmittel" für jede Krisensituation.
4. Die Lehre von Keynes enthält mehr als die Analyse von Märkten mit unflexiblen Löhnen und Preisen. Die Bedeutung der unsicheren Erwartungen" über die zukünftige Wirtschaftentwicklung darf nicht unterschätzt werden und steht im Mittelpunkt dieses Buches.
5. Der Mensch ist keine Maschine und auch kein durchweg rational handelndes und denkendes Wesen. Die Ökonomik bedarf einer realistischen Vorstellung vom Menschen. Leben ist für Keynes mehr" als Wirtschaft, etwa, wenn es um die Bewahrung der Umwelt geht, für die sich Keynes schon in den 1930-ger Jahren eingesetzt hat. Ökonomie und Ökologie sind für ihn kein Gegensatz. Insofern war Keynes bereits damals aktuell."

Berücksichtigt man diese Aspekte, die ich teils aus diesem Werk, teils aus dem Buch von Gerald Braunberger: Keynes für jedermann: Die Renaissance des Krisenökonomen" entnommen habe, so lohnt sich auch heute noch die Beschäftigung mit diesem Wirtschaftswissenschaftler. Dafür ist das Buch dieses profunden Kenners von Keynes Leben, Werk und Wirkung trotz mancher Schwächen sehr geeignet. Es sollten meiner Meinung nach jedoch zusätzliche Bücher über Keynes und die Wirtschaftskrise herangezogen werden, um deren Ursachen und Verlauf besser zu verstehen und über die Möglichkeiten, die Krise zu bewältigen, besser informiert zu sein. Dann ist es auch möglich, die Grenzen - auch Schwachpunkte - der Theorie von John Maynard Keynes, der ein bedeutender Ökonom war und auch in Zukunft bleiben wird, besser einzuschätzen.
Fazit
Insgesamt trotz gewisser Schwächen lesenswert
7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne

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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 23. Juli 2010

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