Eduardo Sacheri: Die Hand Gottes und andere Tangos

Die Hand Gottes und andere Tangos

Verlag: Berlin Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-8270-0889-3

Preis: 19,90 Euro bei Amazon.de [Stand: 29. September 2016]
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Maradonna und mehr

Bücher, vor allem Romane oder literarische Erzählungen um, über und zum Fußball, leiden oft entweder an pathetischen Überhöhungen Testosteron geladener Gladiatoren Romantik oder schlicht und einfach an einer massiven Portion Kitsch.
Der Professor der Geschichte und Schriftsteller Eduardo Sacheri, in Buenos Aires geboren, dem Fußball mit der Muttermilch quasi bereits hingegeben, geht andere, sehr interessante Wege einer Annäherung an die Verankerung des Phänomens Fußball in der Gesellschaft Argentiniens.

Wer wirklich wissen will, warum Diego Armando Maradonna einen solch unendlichen Status in Argentinien besitzt und niemanden dort gleichgültig lässt, im Positiven, wie im Negativen, der hat nun eine große Chance, dieser Heldenverehrung auf dem Hintergrund des Falklandkrieges nicht nur mit dem Verstand zu verstehen, sondern wirklich nachfühlen zu können. Dass Maradonna gerade gegen England einerseits das unfairste Tor des Jahrhunderts erzielte (mit der "Hand Gottes"), andererseits das reelle Tor des Jahrhunderts, dass wird ihn für immer unsterblich machen in den Augen der Argentinier. Die Unmöglichkeit, sich dem zu entziehen und die Akzeptanz auch jeden unfairen Mittels wird in der Erzählung "Sie müssen mich schon entschuldigen" emotional wunderbar tiefgehend deutlich.

So, wie in jeder der Geschichten in eleganter Sprache (Fußball-) Themen des Alltags angesprochen werden, jede der Geschichten zeigt von einer anderen Seite her die Verwurzelung dieses Sports im Volk.
Der unbedingte Siegeswille, der sich um Regeln oft nicht schert, zeigt sich in seiner Entstehung in der Erzählung über die Freunde, die jedes Jahr zum Match antreten, immer verlieren und nun auf Tito warten, denn dieses Jahr soll alles anders werden (und wird es auch, auch wenn Tito vielleicht gar nicht kommt).
Ebenso gelingt es Sacheri in "Fallrückzieher" herauszuschälen, wie unglaublich schnell die Zeit vergeht, wenn man hinten liegt, wenn die Nerven blank liegen und der Sieg erzwungen werden soll, werden muss.
Nicht nur im Spiel auf dem Rasen ist diese emotionale Dichte und das emotionale Auf und Ab beim Versuch, einen Ausgleich des Lebens wieder herzustellen eine innere Realität.

Kleine und große Begebenheiten sind es, die Eduardo Sacheri als Ausgangspunkt seiner Erzählungen nimmt und mit kräftiger Sprache in ihren inneren Bedeutungen unnachahmlich entfaltet. Weder Pathos noch Kitsch hat hier Platz, das menschlich allzu menschliche dafür umso mehr. Immer wieder wird der Rasen zur dramatischen Bühne des Lebens an sich, eine Bühne, auf der Sacheri gekonnt große Emotionen erzählt, immer unterhaltsam, immer mit eleganten Schlenkern, immer den Ball am Fuß des Geschehens.
Fazit
Eduardo Sacheri ist es gelungen, die Innensicht des Spiels, des Erlebens und der Bedeutung des Fußballs offen zu legen. In kleinen, feinen Erzählungen, deren Spannbreite vom Bolzplatz um die Ecke bis zum ausverkauften Weltmeisterschaftsstadion reicht. In feiner und eleganter Sprache, die immer die Kraft der Emotionen herausstellt, zieht er auch nicht am Fußball Interessierte in den Bann der Faszination, zumindest für die Protagonisten und deren innere Erlebniswelten, die er beschreibt.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 13. Juli 2010

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